„Seit ich hier bin, habe ich zum Beispiel gar kein Problem mehr mit langen Autofahrten.“

sönke

Sönke, 27 Jahre, Student für Maschinenbau, möchte den Studiengang wechseln und Pflegemanagement studieren. Er ist seit 2008 im Altenpflegeheim tätig, zunächst im FSJ, seitdem hat er eine Nebentätigkeit im sozialen Dienst.

Ob ich vor dem FSJ Kontakt zu älteren Menschen hatte? Nur zu meiner Oma. Sie lebt jetzt nicht mehr. Ihr ging es gut, aber zum Ende hin halt nicht mehr so. Es war das typische Oma/Enkel Verhältnis, würde ich sagen. Sie lebte im Kreis Oldenburg 300 km weit entfernt, und ich habe sie dann auch nur 3-4 mal im Jahr gesehen. Da war das Wiedersehen immer schön. So wie eine Oma halt zu ihrem Enkel ist und umgekehrt. Als es ihr schlechter ging, war ich nicht mehr so oft bei ihr, da war ich auch schon hier im Altenpflegeheim und hatte schon Einblicke in das Alt sein und den Tod bekommen und das half mir auch sehr. Ich konnte so auch meiner Familie ein bisschen weiterhelfen. Ja, das war schon in Ordnung, so ist das halt, da kann man nichts machen. In meinem Nebenjob im sozialen Dienst mache ich alles, was so anfällt: von Angeboten, über Einzelbetreuung, oder auch mal im Wohnbereich aushelfen. Das ist quasi eine Springerposition. Es ist sehr abwechslungsreich. Als Student ist das hier der beste Nebenjob, den ich mir vorstellen kann. Ich arbeite mehr oder weniger alleine und es macht sehr Spaß. Es ist etwas Sinnvolles. Es ist besser, als irgendwo an der Kasse zu stehen.

 

  • Was heißt für Sie „Alt sein“?

Alt sein ist ein großer Begriff. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alte Menschen im Regelfall recht weise sind. Es sind auch oft ruhige Menschen, die immer nach vorne gucken und sich natürlich auch gerne erinnern. Sie wissen aber auch, es geht weiter, ich kann an der Sache nichts ändern und muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Alt sein ist auch ein Stück Lebensqualität, wenn man etwas geschafft hat, und sich zurücklehnen kann. Das ist hier natürlich schwierig, weil hier ein Großteil der Menschen krank ist und ja auch deswegen bei uns sind. Ich muss sagen, eigentlich freue ich mich ein bisschen aufs Alt sein. Ja, warum nicht? Ich bin natürlich gerne noch jung, ist ja klar. Aber ich habe keine Angst davor. Ja, so ist das halt. Nein, in einem Altenheim würde ich nicht so gerne sein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass meine Mutter zum Beispiel mal in einem Altenheim leben wird. Es ist ein System, was es geben muss, aber es ist schwierig. Es ist schwierig, den Bedürfnissen der Leute nachzukommen, den meisten Leuten geht es nicht so gut, die sind hier nicht so glücklich. So ist das leider. Wenn ich mich mit Außenstehenden unterhalte, reden die oft von dem „Elend“. Es ist natürlich auch ein bisschen so, es gibt Sachen, die sind halt nicht so schön. Das liegt natürlich an den Grundproblemen, die im Pflegebereich vorhanden sind. Da kann man nichts machen. Ganz vieles ist auch auf die FSJler gestützt, wenn da einer krank ist, dann ist hier Alarm. Das hat gar nichts mit dem Haus oder dem Personal zu tun, das ist einfach eine Grundfrage. Das geht los mit zu wenig Personal und schlechter Bezahlung. Alt sein für sich muss nicht elend sein. Es gibt ja auch Leute hier, die sind 95. Die haben auch bis vor kurzem selbständig zum Beispiel in der Stadt gewohnt, bis sie dann einmal gefallen sind. Ich habe auch erlebt, dass Leute topfit waren, aber nach einem Sturz kein halbes Jahr mehr gelebt haben, weil sie einfach aufgegeben haben. Ich würde schon sagen, das ist dann Elend.

Es ist sehr unterschiedlich, wie schnell jemand aufgibt. Hier sind auch Leute, die rappeln sich wieder auf und sind wieder ausgezogen in ihre eigene Wohnung. Ja, alles schon erlebt. Man soll schon nach vorne gucken, das macht die ganze Sache einfacher. Das habe ich hier auch gesehen, dass man auch mit Kleinigkeiten sehr viel zufriedener sein kann. Zum Beispiel, wenn das Essen mal schmeckt. Wenn ich mal helfe, und jemand trinkt zum Abendbrot gerne Kaffee und kriegt ihn aber nicht. Ich bringe ihm dann den Kaffee und der freut sich dann so, das ist dann das Highlight des Tages. Auch sowas kann einen zufrieden machen.

 

  • Nennen Sie fünf Begriffe, die Ihnen spontan zu Ihrer Zeit in der Altenpflege einfallen.

Auf jeden Fall der Tod. Dann Erfahrungen, die ich hier gemacht habe. Die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Leute. Und Arbeiten habe ich hier auch gelernt. Kollegen sind hier auch sehr wichtig. Ich habe gute Erfahrungen mit Kollegen gemacht. Die schlechten Erfahrungen gehören natürlich auch dazu. Damit muss man halt zurechtkommen. Auch das habe ich hier gelernt. Das gehört zum Leben, dass man nicht mit jedem klarkommt. Das ist auch etwas Wichtiges, das haben auch nicht alle Leute gelernt. Manche erzählen mir dann, dass der und der wieder genervt hat und ja – so ist das halt, damit müssen wir alle klarkommen. Das geht mir auch nach der Arbeit nicht nach.

Aber ich bin ein sehr gelassener Mensch, das muss ich auch sagen. Es gibt auch FSJler, die früher wieder aufhören. Ich habe dafür auch Verständnis, ich habe auch nach etwa 9 Monaten ein ziemliches Tief beim FSJ gehabt. Man kommt hierhin und arbeitet nur für dieses Lächeln, man hat ja gar kein Produkt, was am Ende da steht. Gerade hier im Altenheim ist es ja eher so, dass man nur den Rückbau aufhält, weil man nur versuchen kann zu verhindern, dass es sich noch schneller abgebaut. Ja es macht mir schon was aus, nur fürs Lächeln zu arbeiten und dann nach Hause zu gehen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo ich nach Hause kam und keine Lust mehr hatte, irgendeinen Smalltalk zu halten: „Wie geht´s Dir, wie war Dein Tag?“ Das musste ich dann einfach nicht mehr haben. Ich war dann auch dementsprechend schnell gereizt. Da ich jetzt nicht mehr Vollzeit hier arbeite, bin ich jetzt nicht mehr so schnell gereizt, muss ich sagen. Ja, ansonsten, ist das halt so, da kann man nichts machen. Zigarette rauchen, weitermachen, das geht nicht anders.

 

  • Welche besondere Begebenheit während Ihres FSJ fällt Ihnen ein, die Sie nie vergessen werden?

Das ist jetzt gar keine besondere Begebenheit. Ich habe ja viele Leute kennengelernt, die mittlerweile gestorben sind, und ich habe gar nicht so viele Erinnerungen daran. Ich müsste mich wirklich dransetzen und nachdenken, um mich an etwas Spezielles zu erinnern. Aber was mir hier zum Beispiel sehr auffällt, weil ich schon 8 Jahre hier bin, ist, dass die Leute, die den Krieg erlebt haben, langsam auch nicht mehr am Leben sind. Die sind alle tot. Ich hatte vor 8 Jahren auch andere Aufgaben. Man hat dann zum Beispiel zusammen Lieder gesungen, wo die Leute in Tränen ausgebrochen sind, weil sie sich erinnern mussten. Und jetzt können die Leute die Texte schon gar nicht mehr, sozusagen. Wir haben zwar immer noch Hundertjährige. Aber die jetzt 70 sind, die haben das dann auch nicht mehr mitgemacht, oder 80, das ist dann halt schon vorbei. Das ist etwas, was mir sehr auffällt. Das ist ein Teil Geschichte, der dann so dahingeht. Bald gibt es nur noch die Erzählungen und nicht mehr die Zeitzeugen. Also ich bin kein Typ für Geschichte, das ist absolut nicht mein Fach. Was geschehen ist, ist geschehen, das muss man nicht unbedingt in Büchern nachlesen. Aber es ist natürlich traurig. Es wird genug Leute geben, die das melancholisch stimmt. Das würde mich dann wiederum melancholisch stimmen. Aber mich selbst berührt es eigentlich nicht. Ich bin halt anders gestrickt, es geht mir persönlich nicht so nah.

 

  • Gibt es für Sie Vorbilder, wenn Sie ans Altwerden / Alt sein denken?

Nein, eigentlich nicht. Ich will auf jeden Fall entspannt sein und mir nicht den Kopf über irgendwelche Sachen machen. Es gibt hier im Haus vielleicht ein paar Beispiele, aber nein, ein Vorbild fällt mir nicht ein. Also fürs Erwachsenenalter habe ich vielleicht Vorbilder, aber fürs Alter habe ich mir überhaupt keine Pläne gesetzt. Auf einer Insel wohnen im Alter, wäre vielleicht ganz schön.

 

  • Was imponiert Ihnen bei alten Menschen?

Also früher fand ich es ganz bemerkenswert, wie Leute die Zeit so rumkriegen. Viele haben auch nicht die Möglichkeit, etwas zu machen. Aber dann sitzen sie in ihren Zimmern und kriegen Frühstück, was es ja früh um 8 Uhr gibt. Und bis zum Mittagessen machen sie dann irgendwie nichts. Sie kriegen die Zeit so rum. Seit ich hier bin, habe ich zum Beispiel gar kein Problem mehr mit langen Autofahrten. Dann sitze ich halt 5 Stunden im Auto, das ist dann halt so, und ich kann es nicht ändern. Ich selber mache halt lieber etwas, als so rumzusitzen, aber ich finde es dennoch imponierend. Auch mal das Füße hochlegen zu genießen, was ich halt ganz selten mache. Ich entspanne so selten. Ich sitze zwar auch auf der Couch, aber nicht wegen des entspannten Sitzens. Ich entspanne eher nebenbei, und manche Leute hier genießen das richtig. Die setzen sich hier ganz bewusst neben die Vögel und sitzen dann da. Ich würde verrückt werden, ich könnte mich keine Stunde dahin setzen und nichts machen. Das könnte ich einfach nicht.

 

  • Was bedeutet für Sie „Weisheit im Alter“?

Weise hat natürlich nichts mit Intelligenz zu tun. Weise ist eine Sache, die kommt mit der Lebenserfahrung. Das ist zum Beispiel, wenn man jemanden fragt: „Ich habe ein Problem mit meiner Freundin.“ Dann wird derjenige sagen: „Wenn Dir das wirklich wichtig ist, dann solltest Du es noch einmal versuchen. Wenn Du aber glaubst, Du kannst damit abschließen, dann solltest Du auch damit abschließen.“ Das sind dann oft Entscheidungen, die sie selber schon einige Male treffen mussten. Und wenn sie ihre Erfahrung dann weitergeben, ist das sehr wichtig und wertvoll. Ich habe davon auch schon profitiert. Die Erfahrung, was Weisheit ist, habe ich auch erst hier gemacht. Vorher habe ich mir wahrscheinlich einen alten Mann mit Bart vorgestellt, der aus einem riesigen Buch vorliest. Aber hier habe ich Weisheit kennengelernt. Ja, absolut.

 

  • Kann ein von Demenz betroffener Mensch für Sie weise sein?

Ja natürlich, da gibt es so viele Formen: ganz kindlich sein, oder alles immer nach 5 Minuten wieder vergessen haben. Man kann einem dementen Menschen auch in einer sehr klaren Situation begegnen, das ist absolut möglich. Da kann ich mich auch an etwas erinnern, was ich wohl nie vergessen werde. Wir haben ja diese Kegelbahn und Frau M., die dement ist, hat beim Aufbau geholfen. Das letzte Element ist das, wo die Kegel stehen und dann hat man extra 4 Elemente, die man aneinander schrauben kann. Frau M. saß da, und ich habe gesagt: „Ich glaube ich nehme nur 3 Elemente, dann ist das hier etwas kleiner.“ Und Frau M. sagte: „Ja, aber eigentlich geht es doch darum, dass die Kugel besonders lang auf dieser Bahn ist. Das ist doch der Spaß, den man dabei hat.“ Da habe ich mir gedacht, ja – absolut richtig und habe das 4. Element eingebaut. Das war ein weiser Satz, den sie da gesagt hat. Ja, Frau M. ist ganz besonders.

 

  • Nennen Sie drei Charaktereigenschaften, die Sie im Alter besonders wichtig finden.

Auf jeden Fall nett sein. Es sind zwar nicht viele, aber manche alte Leute sind auch garstig, so ist das einfach. So möchte ich nicht werden. Garstig sein hat vielleicht auch gar nicht unbedingt mit dem Alter zu tun. Die Leute waren wahrscheinlich schon immer unzufrieden und haben immer gemeckert und fanden alles blöd. Wer garstig ist, der ist auch sicherlich irgendwie engstirnig, aber wer engstirnig oder starrsinnig ist, muss nicht unbedingt garstig sein. Ja, unsympathisch ist das halt. So möchte ich nicht werden, ich möchte nett und zufrieden sein. Und großzügig wäre ich gerne. Aber da führt eh kein Weg dran vorbei, das bringt die Weisheit einfach mit sich, dass man teilen sollte. Und ich wäre gern unternehmungsfreudig im Alter. Bitterkeit? Wenn jemand bitter ist, dann ist der nur in dem Moment unzufrieden, dem kann man aber immer noch irgendwie eine Freude machen. Aber manchen Leuten ist einfach alles egal, da kann man sich anstrengen, wie man will, das ist vergeudete Mühe, würde ich fast sagen. Das sind nicht unbedingt Leute, die nicht mehr gerne leben wollen. Denen ist auch wichtig, dass sie zum Beispiel um 7 Uhr ihre Serie gucken. Die haben wahrscheinlich auch Angst vor dem Tod.

Nein, ich habe nicht viele erlebt, die über ihre Angst vor dem Tod sprechen. Eher weniger. Den Leuten ist natürlich meist bewusst, dass sie hier wahrscheinlich sterben werden – wenn sie nicht sehr dement sind und nicht wissen wo sie sind. Die wissen das, und ich weiß das auch, und die wissen, dass alle anderen das wissen. Ich glaube, man geht dem Thema einfach aus dem Weg. Es ist natürlich ein wichtiges Thema, mit dem man sich auch auseinandersetzen muss, sowohl die Bewohner, als auch die Mitarbeiter. Und wenn ich angesprochen würde, dann würde ich mich auch mit demjenigen darüber unterhalten. Aber ich würde nie einen Bewohner ansprechen, wie lange er denn glaubt, noch zu leben. Das geht einfach nicht. Die anderen Leute, die hier arbeiten, tun das auch nicht. Die würden immer darauf eingehen, wenn sie selber darauf angesprochen würden. Man hört das auch nicht so bei den Bewohnern. Die sagen eher, sie würden gerne abschließen, ihre Sachen packen. Sowas hört man oft. Aber auszusprechen: „Ich möchte sterben“, das habe ich, glaube ich, noch nie gehört. Die sprechen eher in Metaphern: „Ich bin doch fertig, ich habe doch alles gemacht. Wieso kann ich denn jetzt nicht abreisen?“ Sowas halt.

 

  • Nennen Sie Farben, die Sie mit Ihrer Zeit in der Altenpflege verbinden.

Braun und Orange. Weil das Haus braun und orange ist. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Wenn ich noch ein Adjektiv gebrauchen sollte, würde ich „rustikal“ sagen. Das ist halt ein älteres Haus. Ich war auch schon in modernen Häusern, aber auch das hier ist toll. Hier hat man noch Räume. Die anderen Häuser sind so offen. Da sind Flure, wo dann die Küche und das Wohnzimmer quasi in so einer Riesenhalle sind, das hallt dann auch so. Vielleicht ist das hier mit unserem Turnzimmer und so dann doch netter.

 

  •  Gibt es etwas, was Sie besonders traurig gemacht hat?

Eigentlich nicht. Ich kam eigentlich mit den Dingen, die nach außen hin traurig scheinen, gut zurecht. Es ging mir nie zu nah. Vielleicht als Herr C., mein Kollege, in Rente ging. Der hatte mich angelernt, der hatte mir hier alles gezeigt. Aber sonst ein trauriger Moment? Nein, auch als Leute gestorben sind, die ich mochte, mit denen ich mich gut verstanden habe. Ja, dann war das so. Das größte Gefühl, was ich hier empfinde, ist Freude, beziehungsweise die Freude der anderen zu sehen. Wie gesagt, der Kaffee zum Abendbrot. Für die Frau war das das Highlight des Tages und das macht mich dann halt glücklich. Ja, die Freude, die man hier erleben kann, ist das beste Gefühl.

Ich hatte ja den technischen Beruf angestrebt, weil mir hier das Produkt etwas gefehlt hat. Wie ich schon sagte, arbeitet man ja manchmal so ein bisschen ins Leere. Man muss sich halt selbst motivieren, und weiß manchmal nicht so recht, weshalb man das macht, wenn es die Dame eh wieder nach einer viertel Stunde vergessen hat. Deshalb hatte ich Maschinenbau angefangen, um nachher sagen zu können: „Hier, das habe ich gemacht, das Haus hab ich gebaut, den Brenner habe ich konstruiert“, oder was weiß ich. Das sind dann einfach andere Glücksgefühle, die man dabei hat, andere Erfolgserlebnisse, die hier absolut fehlen. Da muss man halt abwägen. Eigentlich hatte ich mich schon vor langer Zeit beruflich gegen den sozialen Bereich entschieden. Ich kann das zwar, aber ich brauche das Produkt, was am Ende vorhanden ist. Und dann habe ich an Pflegemanagement gedacht. Es gibt eine große Problematik im Pflegebereich, dass die Bereiche Pflegepersonal, Küche und sozialer Dienst nie so gegenseitig in einem zufriedenen Verhältnis stehen. Da gibt es großen Redebedarf und Arbeitsbedarf. Das ist es, was man am meisten verbessern müsste. Ich habe alles von den Bereichen gesehen, alle miterlebt und alle kennengelernt. Und ich glaube einfach, da ist viel zu tun. Und das wäre dann wie ein Produkt, das ist etwas, was man schaffen kann. Das würde mich zufrieden machen. Und es ist eine Mischung aus dem, was ich sehr gut kann und ich kann auf etwas hinarbeiten. Das stelle ich mir sehr gut vor.

 

  • Woher nehmen/nahmen Sie die Kraft, wie schützen Sie sich, wie grenzen Sie sich ab, was ist Ihr Ausgleich?

Ja, ich habe vorher schon einen Toten gesehen, meinen Opa. Als ich meinen Opa tot gesehen habe, war der halt so aufgebahrt. Ich war gefühlt nur eine Sekunde in dem Zimmer, in dem mein Opa lag. Das war – traumatisch will ich jetzt nicht sagen – aber es war ein Erlebnis, das ich mir als Kind hätte sparen können. Aber das war dann hier ganz anders. Ich hatte zwar Respekt davor, vor allem, weil ich mich an meinen Opa erinnert habe, weil dieser Moment damals so schlecht für mich war. Aber hier hatte ich kein Problem mehr damit. Es ist zwar immer sehr eigenartig, weil man ja im Regelfall keine Toten sieht. Sie sehen ja auch etwas merkwürdig aus. Halt leblos, man sieht das einfach. Aber nahe geht mir das eigentlich nicht. Bei meinem Opa wurde ich zwar damals gefragt: „Möchtest Du da rein, möchtest Du Dich verabschieden?“ Und ich habe gesagt: „Ja klar!“ Für mich war da eher viel los, als dass es ein trauriger Anlass war. Aber dann wurde mir ganz klar, was passiert war. Ich schätze mal, ich war 7 oder 8 Jahre alt, jedenfalls schon in der Grundschule. Es war nicht schlecht, dass ich das sehen durfte. Dass ich das nicht so vertragen habe, konnte man ja nicht absehen. Mein Vater hat mich auf jeden Fall mit auf die Beerdigung genommen und das war ganz wichtig. Ich konnte anschließend auch mit meinem Vater darüber reden.

Was ich während meines FSJ gebraucht hätte? Das betrifft noch nicht mal mich – ich war absolut integriert und alles lief perfekt. Aber bei anderen FSJlern sehe ich, die brauchen einfach etwas mehr Integration, mehr verantwortungsvolle Aufgaben. Jetzt haben sie auch wichtige Aufgaben. Die FSJler stützen die Einrichtung, und wenn jemand krank ist, merkt man das auch sofort. Das muss man den FSJlern auch sagen und ihre Arbeit mehr anerkennen. Dass sie nicht als kleine Gehilfen abstempelt werden. Das ist manchmal ganz schön unfair. Die Ehrenamtler sind ja meist 50 plus, die haben mehr Zeit und haben sich das bewusst ausgesucht. Die FSJler kommen aber vielleicht gerade aus der Schule und bekommen gesagt: „Mach doch ein FSJ.“ Die werden vielleicht eher so hineingeschmissen. Die kommen hierhin, und dann macht ihnen das am Anfang auch immer Spaß. Das ist immer so. Aber dann kommt dieser Trott, Vollzeitarbeiten und das ist ja auch viel. 160 Stunden im Monat mit dieser Art von Arbeit ist einfach viel für jemanden, der gerade aus der Schule kommt. Da ist dann das einzige Erfolgserlebnis, dass man irgendwann für etwas eine dreiviertel Stunde braucht und nicht mehr eine ganze.

Das ist schade, da wäre es besser, wenn sie noch mehr integriert würden. Sie mehr beim sozialen Dienst mitmachen zu lassen wäre gut, auf jeden Fall. Aber das ist nicht so einfach, weil man das auch können muss. Es kann nicht jeder eine Stunde Programm machen, viele möchten das auch nicht. Die möchten lieber in dem Wohnbereich arbeiten. Aber es fehlt einfach an Anerkennung. Es ist anzuerkennen, dass die FSJler ein Jahr opfern, um für wenig Geld hier Vollzeit arbeiten. Da kann man sich nicht beschweren, wenn ein junger Mensch in der Mitte seines FSJ sagt, er geht jetzt zum Arzt und holt sich eine Krankschreibung und ist dann 2 Wochen krank, auch wenn er gar nicht krank ist. Das muss man ihm verzeihen, ich kann das absolut verstehen. Die haben es hier nicht einfach. Der FSJler sollte natürlich auch versuchen, sich zu integrieren und seinen Job absolut gut und gewissenhaft zu machen. Aber man muss ihn auch heranführen. Wir haben ja jedes Jahr neue FSJler und die sagen auch oft: „Wenn ich mit Dir darüber rede, klingt das immer ganz anders. Jetzt kann ich gar nicht mehr meckern.“ Auch ein FSJler rechnet sich ja aus, was er am Tag verdient. Da fehlt dann oft die Motivation. Es geht halt auch anders. Mein FSJ bei Herrn C. war ein absoluter Traum. Etwas Besseres hätte mir in meinem Leben nicht passieren können.

 

  • Wenn Sie in Ihrem FSJ Zauberkräfte gehabt hätten, wie hätten Sie sie eingesetzt?

Ja wie gesagt, während meines FSJ gab es die Problematik so noch nicht, da hätte ich eher gesagt, Leute reißt euch mal zusammen, ihr könnt doch hier nicht so schlampig arbeiten. Aber mittlerweile sehe ich die Sache anders. Und denke auch, das Problem liegt begründet in diesem System. Ich würde einfach sagen, wir sind ein Verein, hier sitzt keiner oben, der Millionär wird. Wir sind gemeinnützig, da ist kein Geld übrig. Aber genau das Geld bräuchten wir halt, um unsere Mitarbeiter zufrieden zu machen und um eventuell noch welche einzustellen. Um einfach das Gesamtbild etwas zu verbessern. Das ist immer gut gesagt, wir können uns alle gemeinsam mal anstrengen, aber das geht vielleicht einen Monat. Nach einem Jahr, wenn die Leute immer noch nicht mehr Geld kriegen und unterbesetzt sind, und es ist wieder einer krank und man muss für 2 arbeiten – da kann man keinem Mitarbeiter einen Vorwurf machen. Der Fehler ist im System. Aber es ist auch nicht zu ändern. Wenn ich dann höre von Außenstehenden: „Wir bezahlen hier dreieinhalbtausend Euro fürs Zimmer und Sie haben doch hier 70 Bewohner. Wo ist denn das ganze Geld?“ Dann sage ich, dass wir auch 70 Mitarbeiter haben. Das Haus ist riesig, der Strom – wenn ich mir das selber durchrechne, bleibt da auch kein Geld übrig. Das ist eine Leistung, die man hier bekommt. Es ist auch so, dass man nie zufrieden ist, wie die Mutter gepflegt wird. Das ist einfach so. Man denkt immer, das kann man besser machen. Das ist ganz schwierig, da muss der Staat eigentlich helfen, da muss es Unterstützung geben. Und wir sind ja ein gemeinnütziger Verein, wir schmeißen unsere Leute ja nicht raus, wenn sie einen Bandscheibenvorfall haben, was bei diesem Job nicht ungewöhnlich ist. Oder Knieprobleme. Oder wir haben auch Dauerkranke, die ein Jahr krank sind.

Ja, ich bin selber evangelisch und ich fühle mich hier schon sehr zugehörig. Ich bin jetzt nicht der große Christ, aber das muss man ja auch nicht sein. Hier arbeitet bestimmt auch der ein oder andere Katholik im Haus. Nein, ich glaube eher nicht ans ewige Leben. Ein Leben nach dem Tod, ein 2. Leben? Nein eher nicht, dazu bin ich zu sehr Realist.

 

  • Wenn Sie sich Ihr eigenes Alter vorstellen, welche Farben sehen Sie?

Mir fiel jetzt spontan Grün ein, warum weiß ich nicht. Es könnte genauso gut Grau sein, weil ich ein Stadtmensch bin. Ich kann gar nicht sagen, in welcher Stadt ich am liebsten wäre.

 

  • Wenn Sie zwei Wünsche für Ihren letzten Lebensabschnitt frei hätten, was wäre das?

Fit sein, ich würde gerne noch im Alter Rad fahren. Eigentlich nur Gesundheit, Geld wird eh überbewertet. Ich wäre zum Beispiel ungern blind. Aber ansonsten habe ich da keine großen Wünsche, die Wünsche habe ich eher fürs Erwachsensein. Da wünsche ich mir Erfolg wie jeder junge Mann, denke ich mal. Und Familie wünsche ich mir, halt der Klassiker. Ich hätte total gerne eine Tochter, muss ich sagen. Jetzt noch nicht, aber wenn, dann soll es eine Tochter werden. Aber das steht ja erst noch in den Sternen.

 

  • Was möchten Sie auf keinen Fall erleben, wenn Sie alt sind?

Ich würde wohl ungern in einem Altenheim leben. Es gibt andere Einrichtungen, betreutes Wohnen zum Beispiel. Das kann ich mir noch eher vorstellen. Was ich besonders schlimm finde ist, dass man ja im Grunde eingesperrt ist. Grundsätzlich dürfen ja alle raus, aber wenn eine demente Bewohnerin hier rausgeht, dann wird sie natürlich an der Tür aufgehalten. Und wenn sie um die Ecke wäre, würde sie gesucht und zurückgebracht. Viele sind gar nicht freiwillig hier, die haben sich das nicht ausgesucht. Und es ist einfach unschön, wenn über den Kopf hinweg entschieden wird. Was ich auch ganz oft als unangenehm empfinde ist, wenn eine Angehörige oder ein Angehöriger über den Kopf der Mutter hinweg redet. Die Mutter sitzt dann da und die reden mit mir über sie. Das kann man vielleicht mit Kindern machen, aber doch nicht mit erwachsenen, alten Leuten. Die werden immer so runtergestuft: „Das kannst Du nicht mehr, hör auf, Du kannst das ja eh nicht.“ Sowas finde ich immer sehr unangenehm. Man kann hier auch glücklich sein, aber ich möchte das für mich trotzdem nicht, das ist einfach so. Lieber zu Hause mit 70 vor dem Fernseher sterben, als dann noch 20 Jahre in einem Altenheim zu sein. Das ist für mich einfach keine Lebensqualität. Wir versuchen das ja hier zu gewährleisten, wir versuchen das zu schaffen. Wenn man so viele gesundheitliche Probleme hat wie die meisten Menschen hier, oder etwas dement ist, dann finde ich die Lebensqualität zu Hause auf jeden Fall höher. Kommt drauf an, wie dement man ist. Wenn man nach dem Einkaufen nicht mehr nach Hause findet…

Aber wenn man wenigstens entscheiden könnte, was man essen möchte. Will ich frühstücken oder habe ich heute mal keinen Appetit und schlafe mal bis 9 Uhr? Oder will ich heute 10 Kaffee trinken? Das ist Lebensqualität, absolut. Was ich mir auch ganz oft denke: das Essen ist natürlich super, aber wie viele Leute von denen würden vielleicht nochmal gerne ein richtiges, großes Schnitzel essen. Hier gibt´s auch Schnitzel, schlecht sind die nicht, aber es gibt halt 100 Schnitzel, das ist nicht das Schnitzel, das ich mir zu Hause mache. Oder vielleicht mal eine Pizza. Meine Oma mochte auch gerne zerkochtes Fleisch, aber vielleicht ist auch der ein oder andere dabei, der es nicht so mag.

 

  • Was stellen Sie sich im Alter unter Glück vor?

Gesundheit ist sehr wichtig, weil die Lebensqualität damit Hand in Hand geht. Ja, einfach noch machen zu können, was man selber gerne möchte. Und vielleicht noch Fahrradfahren oder spazieren gehen. Und wenn man dazu keine Lust hat, sollte man andere Sachen finden, die einem Spaß machen und nicht zu irgendwelchen Sachen gedrängt werden. Im Regelfall passiert das ja auch nicht, aber ich habe es kennengelernt und ich bevormunde die Leute ja eigentlich auch. Das ist einfach so. Das geht ja auch nicht anders, ich muss auch manchmal auf sie einreden, sie bequatschen, weil ich ihnen etwas Gutes tun will. Dann wird auch oft gesagt: „Überredungskunst, Überredungskunst“. Ich frage die halt und sage auch nochmal: „Das ist etwas was Spaß macht, überlegen Sie es sich. Ich erkläre Ihnen das gerne nochmal, damit Sie das richtig verstanden haben.“ Aber einfach jemanden zu überreden und einfach mitzunehmen, das habe ich mir abgewöhnt. Aber so habe ich das gelernt. Es wird mir manchmal auch so angeraten, weil es für eine Bewohnerin zum Beispiel wichtig wäre, aktiviert zu werden. Das ist natürlich auch wahr, aber wenn sie mir zum dritten Mal gesagt hat: „Nein, lass mich in Ruhe“, dann mache ich das auch. Das ist auch ihre freie Entscheidung, die man ihr noch lassen muss. Ja auch bei Dementen, die wissen oftmals nicht so, was sie möchten. „Möchten Sie noch etwas essen?“ „Nö, Nö.“ Aber dann haben die nur „Nö“ gesagt, weil es halt irgendeine Antwort ist. Es ist also sehr schwer. Will man denen was Gutes tun, oder haben sie noch eine freie Entscheidung? Das merkt man auch bei den Getränken. Die Leute sollen ja immer ganz viel trinken, weil ja im Alter das Durstgefühl nicht mehr so ausgeprägt ist. Dann frage ich die Leute immer: „Möchten sie noch ein Glas Wasser?“ „Ne, Ne.“ Und ich sage dann: „Trinken Sie ruhig ein Glas Wasser.“ Das ist etwas, wo ich dann immer etwas bevormunden muss, um sie zum Trinken zu animieren. „Prost, zum Wohl“ sage ich auch dann oft, und dann sollen alle einen Schluck Wasser trinken.

Es ist schwierig, wenn jemand einen Wunsch hat und hier nur 2 oder 3 Leute arbeiten, die die ganze Zeit etwas zu tun haben. Dann ist es manchmal gar nicht möglich, sich um etwas zu kümmern, weil halt so viele Dinge dann gerade wichtiger sind. Da sind dann noch 5 Toilettengänge, oder der Plan, der über Standards läuft. Der sagt, dass die Leute mindestens einmal die Woche duschen müssen und wenn dann Tag 8 ist, dann muss das auf jeden Fall gemacht werden. Dann kann man nicht sagen, wir machen erst etwas Netteres. Außenstehenden ist das nicht klar, dass das dann nicht möglich ist. Man kann das zwar machen, aber dann müssen wir alles andere stehen und liegen lassen. Das Pflegepersonal muss auch ständig abwägen. Sie arbeiten nach Liste und haben ihre Bewohner, die fertig gemacht werden müssen. Ja, im Grunde muss man immer gucken, was ist gerade wichtiger. Natürlich kommt dann noch hinzu, was muss ich machen, damit ich keinen Ärger kriege. Das ist auch ein Aspekt. Man darf nicht vergessen, dass das Personal natürlich auch unter sehr großem Druck steht.

 

  • Welche Frage würden Sie sich selber stellen?

Eine gute Frage wäre, würdest Du wieder ein FSJ machen? Und das würde ich, mein FSJ war absolut genial. Aber ich kann auch gut verstehen, wenn andere Leute sagen: „Auf keinen Fall. Ich bin froh, wenn das vorbei ist, nie wieder.“

 

 

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