„Glück im Alter: Gesundheit, Internetanschluss, nicht viel rumreisen, in Ruhe gelassen werden.“

simon

Simon, 19 Jahre, macht sein FSJ in der ambulanten Altenpflege. Er möchte anschließend Philosophie und Japanologie studieren.

Ich weiß zwar, was ich studieren will, Philosophie und Japanologie, aber da kriegt man keinen Job, denke ich mal. Und deswegen weiß ich noch nicht, was ich später mache. Ich kenne eine andere Person, die das auch gemacht hat. Na ja, es gibt ja nicht so philosophiespezifische Berufe, sondern die landen eher so überall. Journalismus ist ein Bereich für Philosophen. Düsseldorf ist – glaube ich – die größte Japankultur in Deutschland, aber so sehr habe ich mich noch nicht damit beschäftigt. Wenn es schwierig wird mit der Kombination, kann ich nach dem Japanologie Studium noch BWL hinterherschieben. Dann findet man auf jeden Fall einen Job. Ich habe schon angefangen, japanisch zu lernen.
Als ich mein Abitur gemacht habe, wußte ich noch nicht, was ich machen will. Dann saß ich erst mal 5 Monate zu Hause, das fand weder ich toll, noch meine Eltern. Dann war klar, ich mach jetzt irgendwas, bis ich weiß, was ich machen will. Da war das FSJ eine gute Sache. Mein Onkel hatte auch FSJ gemacht und Behinderte in einem Heim gepflegt. Er fand das so geil, er hat ganz viel davon erzählt. Da dachte ich, ich mache auch so etwas in der Richtung. Ich habe mich beim Kulturamt beworben, weil ich das spannend fand, was die machen.
Aber da ergab sich nichts. Dann bei der Caritas, und dann bin ich bei der Diakonie gelandet. Zuerst in Düsseldorf, da wußte ich noch nicht, dass es eine extra Stelle in Neuss gibt. In Düsseldorf hätte ich jemanden bei der Inklusion betreut. Den hätte ich halt dann die ganze Zeit in der Schule begleitet, das fand ich sehr interessant. Die Anfahrt von einer Stunde hat mich abgeschreckt, sonst hätte ich das gemacht. Dann habe ich rausgekriegt, dass es in Neuss auch eine Stelle gibt. Da habe ich mich einfach mal generell beworben.
Frau D. von der ambulanten Pflege war sehr entgegenkommend. Ich hatte einen Probetag und es hat mir super gefallen. Am Ende des Probetags kam ich dann zurück und Frau D. hat mich direkt gefragt: „Und, hat es Ihnen gefallen?“ und ich so: „Ja, hat mir gefallen.“ Und dann habe ich direkt den Vertrag zum Unterschreiben bekommen.

Erfahrungen mit alten Menschen hatte ich vorher nur mit den Großeltern und meiner Urgroßoma, die ist 102 geworden. Die saß auch im Rollstuhl, aber war topfit. Die hat uns Plätzchen gebacken, wenn wir da waren und war auch geistig klar. Beim FSJ sehe ich viele, denen geht es mit 60 schon schlecht. Ja, das war eine coole Uroma, die hat auch Erdbeerplätzchen gebacken. Es ging über ein Jahr, dass es ihr immer schlechter ging. Das war dann abzusehen, leider. In dem Zeitraum waren wir auch nicht mehr da. Man hat sie nur in Erinnerung behalten als die liebe, Plätzchen backende Oma. Ein Teil der Familie hat sich um sie gekümmert, sie lebte in Österreich. Nein, sonst hatte ich vorher keine Erfahrung mit alten Menschen.

Ich wußte auch zuerst gar nicht, was man hier im FSJ so macht, aber ich hatte ja einen Probetag. Ich dachte ich hätte mehr pflegerische Aktivitäten, aber ich bin froh, dass ich das nicht habe. Ich beneide die Leute in der stationären Pflege nicht. Ich kaufe, ein, mache Hauswirtschaft, koche Essen. Und wenn mich Leute fragen, ob ich etwas für sie machen kann, dann mache ich, was da so anfällt. Einige Leute sind auch dement. Da gibt es einen, den rufe ich immer an, bevor ich komme. Es ist jede Woche derselbe Ablauf. Ich ruf an, er weiß nicht wer ich bin, er weiß nicht, warum ich anrufe. Er freut sich dann, dass ich anrufe und fragt, wann ich wieder anrufe. Und ich sage jedesmal, jeden Mittwoch, aber das kriegt er nicht gebacken. Er ist gehbehindert und es dauert oft eine Viertelstunde, bis er an der Tür ist. Das ist ein ganz Lieber.
Es gibt auch Leute, die sind nicht so freundlich. Bei den lieben Leuten geht mir das alles auch nach. Am Anfang hat mir das aufgestoßen, sag ich mal, die Verhaltensweisen, die manche so gebracht haben. Aber je länger man sich damit beschäftigt, sieht man immer mehr darüber hinweg. Da ist einer, der ist nicht mal 40 und ist todkrank. Das nimmt ihn sehr stark mit, er war früher so ein Businessman, immer im Anzug, selbständig, hat alles selbst gemacht. Solche Leute trifft es am allerhärtesten. Den zerfrisst das richtig, das merkt man auch. Er lässt es nicht an einem aus, aber seine Grundeinstellung ist halt eher aggressiv. Das könnte auch von den vielen Medikamenten kommen, er kann gar nichts dafür.

 

  • Was heißt für Sie „Alt sein“?

In Relation zu mir sind 80 Prozent der Bevölkerung alt, aber für mich speziell? Also irgendwann haben die Leute weiße Haare, Falten im Gesicht und die Haut spannt nicht mehr so. Eine bestimmte Verhaltensweise? Nein, ich kenne jetzt soviele verschiedene Leute. Manche denken, es ist typisch spießig zu sein, aber ich kenne auch ganz andere. Ein typisches Verhalten alter Leute? Es sei denn, sie sind krank. Aber sonst? Nö.

 

  • Nennen Sie fünf Begriffe, die Ihnen spontan zu Ihrer Zeit in der Altenpflege einfallen.

Kommunikation – Ärzte – Krankheiten – Selbständigkeit – spannend

Was ich spannend an der Altenpflege finde? Ich finde krass, dass ich für viele Leute einkaufe in der Woche. Mit denen ich zu tun habe, das sind so unterschiedliche Personen, das ist wirklich krass. Früher dachte ich, dass alte Menschen immer sagen, die Jugend ist schlecht, die Musik auch, und was die machen ist schlecht. Aber es gibt ja so viele nette Menschen trotz der Medikamente. Ich kriege das ja nur mit wegen des Einkaufens, ich pflege die ja nicht. Aber was sie eingekauft haben möchten, das ist spannend. Meine Oma zum Beispiel, die kauft immer dieselbe Schokolade. Und die Leute, für die ich einkaufe, die sind auch ziemlich versessen auf ein bestimmtes Produkt. Die hören auch nicht auf, genau dieses Produkt zu verlangen. Es sind sehr viele verschiedene Sachen, zum Beispiel Chips in ganz komischen Geschmacksrichtungen, wo man gar nicht denkt, dass alte Leute so etwas mögen. Mit Knoblauch zum Beispiel, wo ich denke, hä? wer ißt denn sowas? Es ist auch jetzt nach 6 Monaten immer noch spannend, es kommen ja auch welche dazu und manche sterben. Man trifft immer neue Charaktere. Und was auch spannend ist: selbst wenn man 6 Monate dieselben Leute betreut – auch wenn sie 60 Jahre alt sind und älter, entwickelt sich die Persönlichkeit immer noch.

Am Anfang war da auch Abwehrreaktion, weil sie mich noch nicht kannten. Aber wie sich die Beziehungen so entwickelt haben in den 6 Monaten, das ist auch unglaublich. Manche waren am Anfang noch so ablehnend. Es haben sich auch alle beschwert, dass ich lange Haare hatte. Und dann hab´ ich die abgeschnitten und jetzt stört es keinen. Und wenn mir die Strähnen jetzt ins Gesicht fallen, dann kennen sie mich halt schon. Jetzt reicht´s auch, wenn ich an der Klingel sage: „Simon ist da!“ Dann machen alle direkt die Tür auf. Im Durchschnitt sind alle viel netter geworden und erzählen auch mehr von sich. Der M. hat sein FSJ vor sieben Jahren gemacht, der studiert inzwischen und kommt noch ab und zu, wenn ich nicht da bin. Der hat mich am Anfang eingearbeitet. Ich habe ihn gefragt, wie machst du das, denn es gibt auch Leute, wenn die einmal anfangen zu reden, die reden ohne Punkt und Komma. Und er hat gesagt, da muß man konsequent den Schlußstrich ziehen, aber das habe ich bisher noch nicht hingekriegt. Ich lasse mich immer in Gespräche verwickeln. Na ja – vielleicht lerne ich das ja noch. Manchmal stehe ich da so und denke – oh – schon 20 Minuten vorbei. Aber ich kann mich dann nicht so rauswinden aus den Gesprächen, ich finde das dann so unhöflich, wenn ich einfach sage, ne – Tschüss. Irgendwann merken es die Leute selbst und sagen: „Oh sorry, hab´ ich dich zugequatscht? Nächste Woche machen wir schneller.“ Das Reden macht Spass, die erzählen nicht nur langweilige Geschichten. Da war einer beim Militär zum Beispiel, 20 Jahre in der Fremdenlegion. Was der erzählt – ja, das ist spannend.

 

  • Welche besondere Begebenheit während Ihres FSJ fällt Ihnen ein, die Sie nie vergessen werden?

Wir hatten eine Frau, die war psychisch instabil, die war eine der allernettesten Frauen, die ich in den 6 Monaten erlebt habe. Die hatte einen Zusammenbruch, und das war schon heftig. Ich war dabei, aber zum Glück auch eine Pflegerin, die wußte, was sie machen musste. Das war krass, weil ich die Frau so vorher gar nicht kannte. Ich hatte 5 Monate gebraucht, um zu merken, dass sie eine Perücke trägt. Das war mir gar nicht aufgefallen. Als sie dann psychisch zusammengebrochen ist, war das schon heftig. Sie ist direkt in die Klinik gekommen und dann direkt ins Heim. Aber es ging so gut vorher. Sie konnte zwar schlecht sehen und konnte die Sachen im Kühlschrank nicht mehr so gut erkennen. Deshalb habe ich alles immer an denselben Platz gestellt, damit sie weiß, wo sie hingreifen muß. Sie war so nett. Sie hatte immer Angst, dass sie beklaut wird und alle haben das immer auf die Psychopharmaka geschoben. Aber ich glaube, ihr wurden wirklich Sachen geklaut. Zum Beispiel Zigaretten, die ich mitgebracht hatte, waren auf einmal weg, obwohl sie selbst nicht gewußt hatte, wo sie lagen. Das Schlimme war, dass ihr keiner glaubte. Sie war dann immer total aufgelöst. Kurz vor ihrem Zusammenbruch hat sie mir noch erzählt, an was sie sich erinnert, als wir vor 6 Monaten zusammen rumgefahren sind. An das konnte sie sich noch erinnern. Nach dem Zusammenbruch hatte sie so graue Augen, wie in einem Untoten Film. So ein leerer Gesichtsausdruck, da dachte ich schon, atmet sie noch? Ich stand an der Tür und sie lag auf dem Bett. Und die Pflegerin sagte mir, was gerade passiert ist. Ich konnte das gar nicht glauben. Aber das war meine Lieblingspflegerin gewesen, die wußte dann, was wir machen müssen. Ich habe dann einfach den Instruktionen Folge geleistet. Gut, dass ich nicht alleine da war, das wäre schlimm gewesen. An meinem letzten Seminartag übernahm M. dann. An dem Tag hatte eine Frau, zu der ich sonst gegangen wäre, einen Schlaganfall. Da war ich froh, dass ich nicht dabei war – sehr froh. Sowas kann ich nicht gut, das finde ich schrecklich. Ich wüßte gar nicht, was ich machen soll.

 

  • Gibt es für Sie Vorbilder, wenn Sie ans Altwerden / Alt sein denken?

Es gibt einen speziellen alten Herren, der ist etwa 92. Der ist so fit, wie kein anderer Patient, den ich habe. Und da sind Leute, die sind erst 50, und er ist 92. Er war auch schwerkrank, aber er rennt megahappy durch die Gegend! Ich glaube mittlerweile auch, man wird älter, wenn man eine hellere Lebenseinstellung hat. Die Leute, die mehr depri sind, die sind alle jünger. Aber der Herr, der ist mein Vorbild, der steht so optimistisch und positiv zum Leben, obwohl auch seine Frau gepflegt wird. Der lebt einfach so durch den Tag. Er ist ein Familienmensch, hat 7 Kinder und seine Kinder haben auch viele Kinder. Die engere Familie umfasst, glaube ich, 45 Personen. Die kommen auch zu ihm nach Hause. Und dann hat er eine Angestellte, mit der versteht er sich super. Das ist so ein richtiges Vorbild. Dann waren wir beim Arzt und die Blutwerte waren alle top, wie bei einem 40jährigen. Er läuft zwar am Stock, aber er geht raus. Der könnte gar nicht drinbleiben. Die älteren Menschen, die schwer krank sind, aber eine positive Lebenseinstellung haben, die leben noch. Aber die Depressiven, die eine negative Lebenseinstellung haben, die sind oft inzwischen gestorben. Kann alles Zufall sein oder selektive Wahrnehmung, aber so hab ich das erlebt. Ist ja auch blöd, wenn man so negativ durchs Leben rennt. Ich hatte schon Phasen, wo ich dachte, das hat alles gar keinen Sinn, aber mittlerweile – man möchte ja auch alt werden – hab ich mir ein Beispiel genommen und gehe optimistischer durchs Leben. Es ist auch schwierig, wenn ich Nachrichten gucke.

 

  • Was bedeutet für Sie „Weisheit im Alter“?

Es gibt eine gute Definition für Weisheit, zum Beispiel: Intelligenz ist, wenn ich einen Test schreibe, für den ich nicht gelernt habe und dann trotzdem meine 2 schreibe. Weisheit ist, wenn ich eine Woche vorher schon weiß, dass ich lernen muss und dann lerne. Weisheit ist mehr entscheidungsbezogen statt reaktionsbezogen. Kennen Sie Pokémon? Wahrscheinlich nicht, da hätte ich ein super Beispiel gehabt. Das ist eine Kinderserie und Spiele gibt es auch davon für den Gameboy. Also Weisheit ist definitiv etwas anderes als Intelligenz. Weisheit kommt auch mit der Erfahrung. Wenn man bessere Entscheidungen trifft als andere Menschen, dann ist man weise. Weisheit im Alter… ja, wenn man mehr Erfahrung hat. Zum Beispiel mache ich Hauswirtschaft bei dem Veteran. Da fällt auch alles mögliche an, was man sich im normalen Haushalt so vorstellen kann. Wäsche aufhängen, aber auch speziellere Sachen. Wenn ich dann versuche, etwas zu machen, und er direkt sagt: „Nein, so kannst du das nicht machen“, und direkt einen Vorschlag macht, wie man das viel einfacher machen kann, auf den ich so nie gekommen wäre  – das ist für mich Weisheit. Also den Überblick haben, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wir spielen auch Skat und auch was diese Entscheidungen angeht, ist er viel besser als ich. Das würde für mich zur Weisheit zählen.

 

  • Kann ein von Demenz betroffener Mensch für Sie weise sein?

Sicher. Demenz ist ja nicht, das man vergisst, was man jemals gemacht hat, sondern dass man Teile des mittleren und späteren Lebensabschnitts vergisst. Die meisten Kindheitserinnerungen können viele demente Leute noch abrufen. Und was sie da gelernt haben – sie vergessen ja nicht alles. Eine demente Frau hat sich bewusst so am Riemen gerissen, weil sie wohl wußte, dass sie sonst austickt. Wenn ihr mal was entfallen ist, dann hat sie auch nicht gleich Terror gemacht, sondern hat gesagt, sie wüßte, sie wäre so. Für sie war ich dann ihr Ansprechpartner, zu dem sie immer gekommen ist, damit sie nicht irgendwann irre wird. Sie hat sich dann mit mir unterhalten, und ich habe versucht, Probleme für sie zu lösen. Die Frau hat sich immer richtig gefreut, wenn ich kam, auch wenn sie meinen Namen nie gelernt hat. Keiner von den Dementen kann sich meinen Namen merken, aber sie erkennen mich, wenn sie mich sehen.

 

  • Nennen Sie drei Charaktereigenschaften, die Sie im Alter besonders wichtig finden.

Also auf jeden Fall schon mal Positivität, also Optimismus. Ich glaube inzwischen, dass man damit länger lebt. Es ist für die Menschen in ihrem Umfeld auch sehr viel einfacher. Für ein paar Leute gibt es gar keine anderen Themen mehr, als jede Krankheit, die sie in ihrem Leben jemals gehabt haben. Und das schlägt so ein bisschen auf die Stimmung. Natürlich reden auch die positiveren Menschen über ihre Krankheiten, aber die bringen das anders rüber. Die sehen sich nicht schon unter der Erde. Die reden eher so, als wäre das ein Hindernis beim Hürdenlauf.

Was noch? Was für mich persönlich wichtig ist, ist Respekt. Manche älteren Menschen scheinen zu glauben, dass man sich mit fortschreitendem Alter alles erlauben kann. Oder sie sind so, weil sie meinen, ihre Krankheit entschuldigt alles. Es macht das Miteinander viel einfacher, wenn die Leute offen aufeinander zugehen. „Bitte“ und „Danke“ zu sagen ist auch nicht selbstverständlich. Man muß mich ja nicht mal siezen. Es gibt auch Leute, mit denen duze ich mich, wenn es so zwischen uns vereinbart ist. Denn wenn ich sieze und sie duzen mich, kommt das rüber wie von einem Boss zu einem, der einkauft. Aber sie sind Patienten und ich mache etwas für sie. Ja, für mich persönlich ist Respekt im Miteinander wichtig. Wenn ich mich ärgere, lasse ich mir das aber nicht anmerken. Nur bei einem Herrn, der ist etwas sehr respektlos, da habe ich es auch zur Sprache gebracht. Und jetzt ist es auch schon viel besser als vor 7 Monaten, er ist inzwischen viel freundlicher. Er sagt sogar „Danke“ und „Bitte“. Ne, ich finde es nicht richtig, dass man für sich behält, wenn einen etwas stört.

Dritte Charaktereigenschaft, die ich wichtig finde? Vielleicht so etwas wie Zwanglosigkeit. Am Anfang waren viele eingeschüchtert und verschlossen. Das erschwert das Miteinander. Die schreiben dann zum Beispiel einen Einkaufszettel, ich guck da drauf und da steht einfach nur „Brot“. Aber glauben Sie nicht, das es richtig ist, wenn ich irgendein Brot mitbringe. Es muß eben genau das eine Brot sein! Oder es steht drauf, „7 Scheiben Käse“, als gäbe es nur eine Sorte Käse auf der Welt. Am Anfang hatten viele Sorge, da kommt eine fremde Person in ihr Haus. Das ist schwer in der ambulanten Pflege. Du bist ja in deren Zuhause und sie sind dann erst unsicher, inwieweit kann ich mit dem reden. Erzählt der das dann jedem weiter? Nennt der meinen Namen überall? Aber das darf ich doch überhaupt gar nicht. Auch so kleine Dinge, wenn ich sage: „Darf ich mal einen Schluck Wasser trinken?“ Dann wird man manchmal angeguckt, als wäre man ein Irrer, der die abstechen will, weil du ja ihre Gläser benutzen möchtest. Das Schlimmste ist, wenn ich mal auf Toilette gehen muß, das geht für manche gar nicht. Aber bei den meisten geht es doch. Das macht das Miteinander ein bisschen einfacher, weil man dann etwas entspannter ist. Aber viele sind vielleicht erst mal abgeschreckt, weil man soviel jünger ist. Dann stellen sie so Fragen, wie „Was macht die Jugend von heute denn so?“ Ich habe keine Ahnung, ich zähl mich ja nicht so zu den Durchschnittsjugendlichen, deshalb weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll. Also ein paar ältere Menschen interessieren sich schon. Das macht das Zusammensein schon sehr viel einfacher, wenn die nicht so in sich gekehrt sind. Sie müssen mir ja auch nicht ihre ganze Lebensgeschichte erzählen, aber ein bisschen Aufgeschlossenheit, Zwanglosigkeit oder small talk, das finde ich wichtig. So dass man sich nicht nur die ganze Zeit gegenübersteht und sie schweigen nur und schweigen… Wenn ich dann frage: „Möchten Sie noch dies oder das haben?“ Dann kommt nur Schweigen, Schweigen – das ist nicht so schön.

 

  • Nennen Sie Farben, die Sie mit Ihrer Zeit in der Altenpflege verbinden.

Rot. Ja, das ist meine Lieblingsfarbe. Die ganzen Apotheken, da sehe ich viel Rot und die Häuser von Ärzten, da ist auch viel Rot. Das begegnet mir einfach überall. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich auch viel Rot in den Wohnungen der Leute. Merkwürdig eigentlich. Also mein Zimmer ist auch sehr rot. Ich habe in den 7 Monaten nicht einmal Blut gesehen. Rot ist für mich eher entspannend. Manchmal ist es auch ein bisschen stressig, wenn so viel auf einen Tag fällt, dann muss man das alles bewältigen. Aber das macht auch irgendwie Spaß. Für mich selber ist Rot eigentlich eher Rückzugsfarbe, ich mag die Farbe. Schwer zu erklären, dass ich es einerseits mit Stress und andererseits mit Rückzug und Ruhe verbinde. Also helleres Rot ist für mich eher stressmäßig, zum Beispiel das Apothekenrot. Bei mir zu Hause habe ich eher dunkleres Rot, weinrot. Ich hab auch ein Kindheitstrauma mit Blut, deshalb habe ich zu Hause nicht dieses hellere Rot.

 

  • Gibt es etwas, was Sie besonders traurig gemacht hat?

Ja, vielleicht die Lebensgeschichte von einem meiner Patienten, für den ich einkaufe. Bei dem kriege ich auch mehr mit als bei anderen. Ich habe auch einen betreut, der war schon am nächsten Tag tot. Das hat mich nicht so getroffen, weil er geistig schon nicht mehr da war und keinen erkannte. Und er hat immer so geschrieen: „Ich will nicht mehr!“ Da denkst du, Sterbehilfe ist verboten, aber wenn sie legal wäre, hättest du geholfen? Und deswegen war ich nicht traurig, als er gestorben ist. Aber die Lebensgeschichte von dem Mann, der beim Militär war, die ist schon echt traurig. Dass dem soviel Schlimmes passiert ist. Er wollte sich auch zweimal umbringen und hat es nicht geschafft. Jetzt ist er positiver eingestellt, weil er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat – nach 17 Jahren kranksein. Das war für ihn so der Höhepunkt in seinem Leben glaube ich, und die ist jetzt weggezogen. Das nimmt ihn natürlich mit. Ich glaube, nachdem er es nicht geschafft hatte, sich umzubringen, hat er den Entschluss gefasst: „Es soll wohl nicht sein, dass ich mein Leben selbst beende. Jetzt zieh ich das auch bis zum Ende durch.“ Vielleicht bringen auch 20 Jahre Militär mit sich, dass man so einen Schild zwischen sich und dem, was passiert, bringt? Er findet das nicht so schlimm, dass sie weggezogen ist, sondern er freut sich eher darüber, dass es mit ihr überhaupt funktioniert hat. Das finde ich schon bewundernswert. Das hat mich am traurigsten gemacht. Dem hätte ich mehr Chancen gegönnt und 17 Jahre krank zu sein, 17 Jahre mit MS, Schlaganfällen, Wirbelsäulenbruch und im Rollstuhl sitzen – mein Gott. Und dann hat er 250 Tabletten geschluckt und konnte sich damit nicht umbringen. Dann halt nicht, hat er sich wohl gedacht.

 

  • Woher nehmen/nahmen Sie die Kraft, wie schützen Sie sich, wie grenzen Sie sich ab, was ist Ihr Ausgleich?

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, erzähle ich das meiner Mutter. Die hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen Beschützerinstinkt, die flippt dann aus. Die unterstützt mich und wir überlegen, was man machen kann. Eigentlich darf man sich das alles nicht so zu Herzen nehmen, aber ich kriege das nicht so hin. Ich fühle mich dann doch immer persönlich angegriffen. Aber ich habe den Vorteil, ich bin ja 12 Jahre zur Schule gegangen. Und wenn man da nicht lernt, anderer Leute Meinung zu ignorieren, dann kommt man als psychisches Wrack aus der Schule. Ich habe da sehr schlechte Erfahrungen mit Mobbing gemacht. Die ersten 3 Jahre auf der weiterführenden Schule waren schon heftig. Also Einsamkeit hat mir noch nie viel ausgemacht. Dann habe ich die richtigen Leute ausgesucht, mit denen man etwas zu tun haben konnte und die nicht total merkwürdig im Kopf waren. Und dann lernt man eigentlich, sich anderer Leute Meinungen nicht so zu Herzen zu nehmen. Für mich ist es eher so, dass mich meine eigene Meinung zu einem Thema fertigmacht. Wenn ein Typ ausflippt und sich ungerecht behandelt fühlt, dann bin ich nicht wirklich sauer, weil der ausflippt. Sondern ich denke mir, was habe ich jetzt persönlich falsch gemacht? Bin ich jetzt wirklich zu weit gegangen? Das macht mich dann fertig. Und die Leute missinterpretieren das dann und denken, ich hätte wirklich etwas verkehrt gemacht.

Ja, ich kann schon darüber reden. Auch zum Beispiel mit meiner Lieblingspflegerin, die hat auch denselben schwarzen Humor, deshalb ist es immer sehr gut, sich mit ihr zu unterhalten. Wir scherzen dann 5 Minuten, dann sind wir beide wieder in Topform. Und meine Chefin hat mich noch nie wirklich fertiggemacht. Einmal hatte ich´s verdient. Da habe ich 2 Liter Mayo gekauft für eine Frau. Auf dem Zettel stand „2 Tuben Mayo“ und die kleinen gab es nicht, da habe ich diese riesigen Imbiss Tuben mitgenommen.

Ja, wie schütze ich mich? Ich mache gerne Witze über die Sachen die passieren, dann ist es nicht mehr so schlimm. Und wenn ich nach Hause komme, höre ich zum Beispiel Musik. Das mußte ich schon in der Schule lernen, mit Humor auf alles zu reagieren. Ich kann das auch jedem raten, der neu in die Schule kommt und sich von Leuten geärgert fühlt. Mach dich über die Leute lustig, dreh ihnen das Wort im Munde rum. Das macht auch sehr viel Spaß. Wenn man viele Bücher gelesen hat, ist man intellektuell viel gewandter als die. Ich glaube ich komme in manchen Sachen ziemlich arrogant rüber. Ich habe eigentlich gar kein großes Selbstbewußtsein. Aber ich habe diese Arroganz so wie einen Schutzwall um mich herum aufgebaut. Ich glaube, das ist auch gut, dass ich hier arbeite, da merke ich, was ich alles noch an Erfahrung brauche. Also das kriege ich noch besser hin, auf jeden Fall.

 

  • Wenn Sie in Ihrem FSJ Zauberkräfte gehabt hätten, wie hätten Sie sie eingesetzt?

Ich bin ja ein Fantasy Fan. Definitiv hätte ich ein paar Leute geheilt. Vor allem diesen Mann, der schon 17 Jahre krank ist. Der tut mir so leid. Also wenn ich das gekonnt hätte, wäre ich sofort dahin gerannt. Telekinese wäre hilfreich beim Einkaufen, dieses ganze hin- und herfahren. Auch wenn ich die Leute zum Arzt fahren muss, dann muß ich den Rollstuhl in das kleine Auto hieven. Die kleinen Autos sind gut für die Stadt, weil man überall reinpasst. Aber den Rollstuhl in das Auto zu heben, das ist eine Katastrophe. Ja, Telekinese und Heilen, das wäre gut gewesen. Und Telepathie beim Einkaufen wäre gut, dann müßte ich nur einmal kurz nachfragen: „Was meinen Sie mit Käse?“ und müsste nicht extra wieder anrufen.

 

  • Wenn Sie sich Ihr eigenes Alt sein vorstellen, welche Farben sehen Sie?

Schwarz, Grün und Rot. Schwarz nicht wegen Tod, ich weiss gar nicht, warum die Leute das mit Tod verbinden, ich mag Schwarz einfach. In den 5 Monaten, als ich keine Schule hatte, habe ich auch meinen Schlafrhythmus umgestellt. Da bin ich abends aufgestanden und morgens ins Bett gegangen. Ich mag es einfach, wenn es dunkel ist. Ich finde das geborgener, ich fühle mich irgendwie sicherer, wenn es dunkel ist. Also Schwarz, weil es geborgen ist und sicher. Grün, weil ich nicht wie manche Leute im Bett liegen und mich selbst bemitleiden und rumweinen möchte. Nein, ich möchte auch noch viel machen, wenn ich alt bin. Vielleicht bin ich ja so ein spießiger Kartenspieler später, Kanaster mit Verwandten, oder meine Enkel besuchen, was weiß ich. Und Rot, weil ich es mag. Wenn ich mal ein Haus habe oder eine Wohnung, dann mache ich alles Rot und Schwarz.

 

  • Wenn Sie zwei Wünsche für Ihren letzten Lebensabschnitt frei hätten, was wäre das?

Psychisch gesund, das wünsche ich mir. Wenn ich das sehe, demente Leute oder Menschen mit psychischen Krankheiten, das stelle ich mir sehr, sehr schlimm vor. Das finde ich für mich sehr viel schlimmer als zum Beispiel querschnittsgelähmt zu sein. Gerade wo es mir soviel Spaß macht, Gedankenspiele zu machen, nein, dann springe ich lieber von der Brücke. Also das empfand ich auch schon vor meinem FSJ so. Klar hier sieht man viele, die so etwas haben. Aber man trifft ja auch gute Beispiele. Wir haben in der ambulanten Pflege eher die, die noch nicht soviel Hilfe brauchen, wie diejenigen, die hier im Pflegeheim leben.

Was würde ich mir noch wünschen? Eine gewisse körperliche Fitness, auf jeden Fall für meine Arme. Ich stehe total auf Computerspiele – der typische Jugendliche, ich weiß. Ich steh da total drauf. Ich werde das mein ganzes Leben in meiner Freizeit machen, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt so viele verschiedene Geschichten zu erleben. Und ich wünsche mir ein gutes Verhältnis zu meinem Bruder im Alter. Das hat in unserer Familie nämlich bisher nicht funktioniert mit Brüdern und alt werden. Ich mag meinen Bruder sehr, er ist 2 Jahre jünger. Ich habe ihm gegenüber immer die Beschützerrolle, das ist schön. Es ist schön, wenn man gebraucht wird und seinem Bruder auch mal helfen kann. Ich habe soviel Zeit in meiner Kindheit mit meinem Bruder verbracht, alleine aufzuwachsen fände ich schrecklich.

 

  • Was möchten Sie auf keinen Fall erleben, wenn Sie alt sind?

Wie gesagt, wenn ich nicht mehr laufen könnte, fände ich das nicht so schlimm. Dann hätte ich noch meine Gedanken und wäre dadurch beweglich. Aber psychische Krankheiten möchte ich auf gar keinen Fall. Ich möchte auch nicht, dass mein Bruder vor mir stirbt. Sollte ich irgendwann mal eine Familie haben, will ich auch nicht, dass die vor mir sterben. Das stelle ich mir ganz, ganz schlimm vor. Da hatten wir auch eine Dame bei uns, deren Tochter gestorben ist. Die Menschen sehen so zerstört aus, das möchte man einfach nicht erleben.

 

  • Was stellen Sie sich im Alter unter Glück vor?

Nicht mehr so viel machen müssen wie meine Großeltern. Die arbeiten immer noch, obwohl sie Rente beziehen. Ich glaube, die wollen das auch einfach. Nein, das wollte ich nicht. Glück wäre für mich der typische, spießige Alte in seiner Umgebung. Ich fahre auch nicht gern in den Urlaub. Die eigene Umgebung – nicht unbedingt dieselben Menschen, aber Kontakt zur Aussenwelt wäre noch wichtig für mein Glück. Und ein schneller Internetanschluss. Glück im Alter: Gesundheit, Internetanschluss, nicht viel rumreisen, in Ruhe gelassen werden.

 

  • Welche Frage würden Sie sich selber stellen?

Würdest du dieses FSJ nochmal machen, wenn du in der Zeit zurückgehen könntest? Kommt drauf an. Wenn ich meine Erinnerung behalten würde, wenn ich in der Zeit jetzt zurückgehe – nein, weil ich verschiedene Sachen ausprobieren möchte. Wenn ich mich nicht daran erinnern würde, klar – warum nicht. Nach 15 Minuten fahrradfahren bin ich hier, die Leute sind eigentlich alle nett, die Chefin ist kompetent, die Pfleger sind relativ kompetent. Aber wenn ich mich dran erinnern würde, nö – weil ich verschiedene Sachen ausprobieren möchte. Dann würde ich vielleicht doch das mit der Inklusion in Düsseldorf ausprobieren. Das hat sich nämlich auch gut angehört.

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