„Weisheit ist die Flexibilität sich einzustellen, auf das was ist und das was kommt.“

nina

Nina Margareta, 22 Jahre alt, machte 1 ½ Jahre ihr FSJ in der Altenpflege. Nach anschließenden 5 Monaten Praktikum begann Nina eine einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin.

Meine Motivation für das Freiwillige Soziale Jahr war meine gesundheitliche Vorgeschichte. Mit 15 Monaten hat man bei mir ein Astrocytom Grad 2, einen gerade noch gutartigen Tumor am Hypothalamus festgestellt. Ich wurde zuerst ein halbes Jahr fehlbehandelt, weil es hieß, ich hätte eine Mittelohrentzündung. Ich habe Antibiotika geschluckt bis zum geht nicht mehr, bis wir zu einer anderen Kinderärztin gegangen sind. Ich bin dann in die Uniklinik Aachen überwiesen worden und da wurde das dann festgestellt. Aber laut deren Diagnose wäre ich jetzt gar nicht mehr am Leben, wenn das so gestimmt hätte.

Und das ist meine Motivation: dass nicht auch bei alten Leuten, die mit Schmerzen daliegen, etwas falsch diagnostiziert wird. Dass man vielleicht auch mehrere Ärzte konsultiert, wenn nicht klar ist, was die Leute genau haben. Ich würde mich auch nie auf einen Arzt verlassen. Man ist einfach so hilflos als Laie. Dass man das in die richtige Richtung lenkt, ist mir wichtig, wenn man so eine Erfahrung wie ich gemacht hat. Ich weiß wie das ist, wenn man da so hilflos liegt. Man muss sich auf jemanden verlassen und ist dann vielleicht auch verlassen. Als ich in der dritten Klasse war, musste ich noch mal operiert werden. Da lag ich auf der Intensivstation und hatte total Angst vor der Op. Und dann kam ein netter Arzt, an den erinnere ich mich so gut. Er kam rein und sagte: „Nina ich weiß, dass du Angst hast. Ich habe eigentlich Feierabend, aber ich operiere dich noch. Es muss gemacht werden und ich operiere dich.“ Das hab´ ich noch so gut in Erinnerung, der hat Überstunden für mich gemacht und mir quasi das Leben gerettet. Ich würde ihn gerne kontaktieren, ich habe auch eine Nummer rausgesucht, um mich nochmal zu bedanken, aber ich trau mich nicht recht. Aber diese Geschichte, das ist meine Motivation hier zu arbeiten.

Erfahrungen mit alten Menschen habe ich sonst vorher durch Oma und Opa gemacht. Ich habe jetzt noch engen Kontakt mit meiner Oma. Die wohnt bei uns im Haus, und um die kümmere ich mich auch so nebenbei. Da habe ich auch gemerkt, dass das so meine Richtung ist. Das war immer schon so meins. Ich finde es wichtig, dass man am Ende des Lebens ein würdiges Leben hat. Das liegt mir am Herzen.
Und wenn man teilweise sieht, was in der Pflege so abgeht…Aber das ist die Pflegereform schuld. Die Politiker müssten mal pflegebedürftig sein oder selber pflegen, dann würde sich was ändern. Dann würden die sehen, was abgeht, was passiert und wie sich die Leute fühlen. Das ist für mich das Manko, dass sich keiner traut sich mal eine Woche hierhin zu legen. Die kennen nur die Theorie, aber nicht die Praxis. Ich sehe die immer im Fernsehen und lache mich schlapp. Das ist so ein Bullshit, was die so erzählen. Aber die können sich später private Pfleger leisten, das ist der Unterschied. In der Theorie ist das immer toll, was die so festlegen, aber in der Praxis ist das nicht machbar aufgrund des Personalschlüssels. Aber was willst du machen, guck mal, wie unterbesetzt wir sind. Das liegt nicht am Leiter oder an der Pflegedienstleitung, das liegt am Personalschlüssel, den die Politiker festlegen. Das gilt auch für die Krankenhäuser.

 

  • Was heißt für Sie „Alt sein“?

Das kommt auf den gesundheitlichen Zustand an, ob ich noch selbst für mich entscheiden kann, ob ich mich noch selbst bewegen kann. Wenn ich das alles nicht mehr könnte, wäre ich für mich alt und gebrechlich. Es hat für mich nicht nur mit dem Lebensalter zu tun. Wenn ich meine Oma sehe mit 87, dann ist das schon ein hohes Alter, aber die versorgt sich noch selber. Sie kann noch alles selber machen, die wohnt noch alleine. Die ist für mich nicht wirklich alt in dem Sinne. Sie ist höchstens vom Lebensalter alt, aber vom körperlichen her ist sie noch relativ jung geblieben. Meine Oma hat noch Lebensqualität. Also so kann ich auch alt werden.

 

  • Nennen Sie fünf Begriffe, die Ihnen spontan zu Ihrer Zeit in der Altenpflege einfallen.

Krankheit, Hilfsbedürftigkeit, Hilflosigkeit, Angewiesenheit und schutzbefohlen sein. Für mich ist ganz klar, dass die Bewohner unsere Schutzbefohlenen sind. Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass es ihnen gut geht, dass sie ein gutes Zuhause haben und gut versorgt sind. Dass sie sich auch wirklich wohlfühlen, das ist für mich das A und O. Man kriegt das schon mal mit, dass sie sich nicht so wohl fühlen und weg wollen. Ich tue mein Bestes, aber da müsste generell in der Pflege was geändert werden. Man könnte es auch schöner einrichten. Man kann Bilder aufhängen, womit sich die Leute verbinden können. Das fehlt mir so ein bisschen. Aber wenn man das zu persönlich überall macht, geht das leider auch nicht.

Ja, wenn mich etwas stört, würde ich es auch ansprechen, aber ob ich etwas ändern könnte, weiß ich nicht. Ich habe auch schon oft was angesprochen, wenn mir etwas auf den Geist ging, und man hat mir zugehört. Früher habe ich viel in mich hineingefressen, mittlerweile rede ich offen darüber.

 

  • Welche besondere Begebenheit während Ihres FSJ fällt Ihnen ein, die Sie nie vergessen werden?

Ich hatte schöne Aromabehandlungen bei den Bewohnern gemacht. Ich habe sie mit Aromaölen am Körper eingerieben. Es war so schön zu sehen: zuerst die Abwehrhaltung, und wie entspannt sie nachher nach der Ganzkörpermassage waren, und wie gut ihnen das getan hat. Ich habe immer unterschiedliche Öle benutzt, je nach Jahreszeit, im Winter mehr Zimtiges, im Sommer Kokos oder Lavendel. Leider hatte ich nach dem FSJ keine Zeit mehr für die Aromabehandlungen. Das war eine elemtare Erfahrung für mich, das hatte die Wohnbereichsleitung damals angeregt. Wie liebevoll die gepflegt hat, da kamen mir echt die Tränen. Das war so Hammer, von ihr hätte ich mich sofort pflegen lassen. Aber wenn man sonst manches sieht… – Ich pflege so, wie ich selber gepflegt werden will. Wenn ich das nicht aus Liebe mache, oder Berufung, dann lass ich´s. Das ist ein Beruf, wozu du berufen sein musst. Ansonsten hast du im Pflege- und Gesundheitsbereich nichts verloren.

 

  • Gibt es für Sie Vorbilder, wenn Sie ans Altwerden / Alt sein denken? Was imponiert Ihnen bei alten Menschen?

Für mich ganz klar meine Oma. Sie hat jetzt auch Gebrechen, ist aber geistig noch ganz da und läuft erst seit 2 Jahren am Rollator. Wenn ich so alt werden kann wie sie, dann will ich auch 90 werden. Aber wenn ich anders alt werde und schon mit 60 da liege… Meine Oma hat sehr früh ihren Mann verloren und hat sich wieder zurückgekämpft. Sie war am Boden, aber hat nie aufgegeben, bis heute nicht. Davor ziehe ich den Hut. Sie hat sich immer beschäftigt, hat sich nie hängenlassen, kümmerte sich noch um den Onkel, der Diabetes hat. Das ist beeindruckend. Auch um mich sorgt sie sich mehr, als um sich selbst.

 

  • Was bedeutet für Sie „Weisheit im Alter“?

Für mich bedeutet das, dass man gewisse Sachen einsieht, wenn man etwas nicht mehr kann. Dass man damit klar kommt, wenn man etwas nicht mehr schafft – also das Verarbeiten können von Schwächen. Viele wollen sich im Alter keine Schwächen eingestehen, was für mich totaler Humbug ist. Nein, man darf ja nicht alt werden, das geht doch nicht – sie wissen, sie sind alt, aber wollen noch dies und das machen. Man muss sich irgendwann eingestehen, dass es nicht mehr geht. Und dass man seine Grenzen irgendwann erreicht. Dass man mit 87 nicht mehr so ist, wie mit 60 und zu realisieren, wie alt man wirklich ist. Das ist für mich die Kunst, das hinzunehmen. Die alten Menschen haben Deutschland aufgebaut, die haben viel geleistet, da muss man dann auch mal sagen, komm, setz dich hin und genieß den Rest deines Lebens. Erfreu dich daran und sei nicht missmutig. Weisheit ist die Flexibilität sich einzustellen, auf das was ist und das was kommt. Das mussten meine Eltern und ich damals auch.

 

  • Kann ein von Demenz betroffener Mensch für Sie weise sein?

Natürlich, die haben ihre sehr lichten Momente. Wenn sie klar sind und Stories von früher erzählen, das ist Wahnsinn. Sie geben einem Ratschläge und man denkt: Wow, das ist Klasse! Die werden ja oft abgeschrieben, nach dem Motto, der ist dement und erzählt nur Mist. Viele hören dann gar nicht zu. Wir können aber von den Dementen sehr, sehr viel lernen. Allein mit schwierigen Situationen umzugehen, die merken ihre Lage ja auch.

 

  • Nennen Sie drei Charaktereigenschaften, die Sie im Alter besonders wichtig finden.

Man sollte die Lebensfreude und den Lebensmut behalten und die Hoffnung nicht verlieren. Man sollte offen sein, auch für Neues. Der Rollator, den meine Oma für sich angenommen hat, ist für mich das beste Beispiel. Zu akzeptieren, dass man etwas nicht mehr so kann, wie man es können will. Sich eingestehen, du bist alt, sich dabei selbst einschätzen können, finde ich ganz, ganz wichtig. Das müssen wir auch schon im jungen Alter wissen, aber wenn man alt ist, ist es noch mal wichtiger. Es ist schwierig, den Lebensmut immer aufrecht zu erhalten, wenn jemand weiß, dass er sterbenskrank ist. Gut, ich bin da auch so ein Beispiel, mir haben sie auch den Tod vorausgesagt. Aber dass man dann guckt, wenn es so im Alter ist, dass man damit klarkommt und sich sagt, komm, leb´ das noch so gut es geht. Ich hatte auch eine gute Freundin, die war wie meine Oma für mich, die hatte Krebs im Endstadium. Die hat immer noch weiter gekämpft, weil sie nicht wusste, dass es wirklich so schlimm war. Aber bei ihr war es gut, als dann die Erlösung kam, sie war ein Schatten ihrer selbst und das war echt traurig. Ihr Mann lässt sich jetzt komplett hängen, der isst nichts mehr, der kümmert sich nicht mehr um sich, dem ist alles egal. Ich kann es zum Teil verstehen, die haben fast ihr komplettes Leben gemeinsam verbracht. Natürlich ist es dann schwierig, alleine weiterzumachen. Aber das beste Beispiel ist meine Oma, die ist seit 24 Jahren alleine, meistert das und lässt sich nicht hängen. Man muss halt gucken, dass das Leben trotzdem weitergeht. Gerade, weil das dem verstorbenen Partner bestimmt auch nicht recht wäre, wenn man sagt, jetzt ist das Leben für mich vorbei. Also Lebensmüdigkeit in dem Sinne gestehe ich Alten voll und ganz zu, wenn sie sehr krank sind und es ihnen nicht gut geht. Aber nicht, nur weil der Partner gestorben ist, und sie eigentlich noch ein schönes Leben haben könnten. Man kann doch auch aus den früheren guten Zeiten Kraft schöpfen. Wenn man sich an die Menschen erinnert, gehen sie nicht verloren. Es ist nicht gut, die Menschen mit Antidepressiva vollzustopfen. Das machen manche Ärzte und die Patienten kriegen dann nichts mehr mit oder sind nicht mehr sie selbst. Das ist für mich ein no go.

Auf jeden Fall sollte man selber versuchen, fröhlich zu bleiben, also nicht so griesgrämig werden, nur weil Teile des Lebens halt wegfallen. Man kann ja trotzdem das Schöne ausdehnen, selbst wenn man im Rollstuhl sitzt. Die Natur ist da, alles ist bunt, man kann trotzdem schöne Sachen aus schlimmen Situationen ziehen. Und das muss man auch, sonst geht man kaputt. Also Frau W. war über 100 und war dement. Aber sie hatte noch Spaß am Leben und hat immer gerufen: „Komm doch mal her.“ Sie hat sich schon gefreut, wenn man ihr die Hand gegeben hat.

 

  • Nennen Sie Farben, die Sie mit Ihrer Zeit in der Altenpflege verbinden.

Weiß – also wie die Dienstkleidung und relativ trist, nicht wirklich farbenfroh. Gut, Karneval und Feste sind farbenfroh, aber sonst… Alltagsfarben, kein grelles Gelb oder Pink, das fehlt mir so ein bisschen. Die Zimmer sind auch relativ dunkel, finde ich. Gut, es ist ein Altbau, aber vielleicht kann man trotzdem noch mit Farbe etwas mehr Sonne geben. Die alten Leute werden ja auch nicht gefragt. Auch die Möbel sind eher trist. Aber das Leben ist doch nicht so blass, guck mal raus in die Natur, da sieht man doch, was Leben ist.

 

  • Gibt es etwas, was Sie besonders traurig gemacht hat?

Ja, wie Leute auch abgefertigt werden. Klar, es geht vom Pflegeschlüssel her nicht, aber man kann es trotzdem etwas persönlicher machen. Wir sind nicht nur Pflegekräfte, wir sind auch alles andere Drumherum und ich glaube, das machen sich viele nicht bewusst. Man ist Therapeut, alles Mögliche, was ein Mensch braucht. Nicht nur Arschabwischer, wie es in den Medien oft verkauft wird. Aber dazu bräuchte man halt mehr Zeit und das ist das Traurige, dass es die nicht gibt. Man bräuchte auch auf jeden Fall mehr Personal, da müsste man sich an die Regierung wenden. Man müsste ein Zeichen setzen. Aber das Schlimme ist, wir können ja nicht die Arbeit niederlegen, es muss ja weitergehen. Deshalb kann man die Politik nie so unter Druck setzen wie es nötig wäre, damit sich etwas ändert. Das Gehalt, was man kriegt, ist traurig. Aber das ist auch das Gesellschaftsbild – Arschabwischer – fertig. Es ist ja nicht so, dass man wie ein Roboter arbeitet und keine Beziehung zu den Leuten aufbaut. Du bist ja auf einer sehr persönlichen Ebene für sie da.

Im FSJ haben sie uns damals gesagt, man soll nicht weinen, wenn jemand stirbt. Ich habe dann in der Schule nachgefragt, und die haben gesagt, natürlich dürfen Sie trauern, das gehört dazu. Natürlich können Sie nicht tagelang Rotz und Wasser heulen, aber Sie dürfen in dem Moment weinen. Das haben die in der Schule ganz klar gesagt. Aber im FSJ hieß es, nicht weinen, weil es die Bewohner dann runterzieht. Aber natürlich müssen die mitkriegen, wenn ein Mitbewohner stirbt. Die haben doch auch ein Recht darauf, mitzukriegen, dass der dann nicht mehr da ist. Natürlich gibt es die Schweigepflicht. Wenn ein Bewohner stirbt, gehen die Gründe den anderen offiziell nichts an. Aber die Bewohner sollen ja noch ein normales soziales Leben führen können. Die sind ja nicht im Altenheim und sind schon wie tot. Ja an diesem Punkt müsste gearbeitet werden. Die Leute wissen, was hier am Ende kommt. Da kann man doch ganz offen mit umgehen. Da kann man doch eine Sterbeanzeige rumgeben. Es brennt ja dann auch eine Kerze, aber vielleicht könnte man noch ein Bild hinter die Kerze stellen mit einem kleinen Spruch, dass man noch ein Andenken an denjenigen hat. Ein Andachtseckchen, wo so etwas steht, wäre für mich ganz klar denkbar. Oder wie so eine Galerie, von den Bewohnern, die hier waren und die gegangen sind, das fände ich schön. Meistens sind nach 2 Tagen die Zimmer leer geräumt und das war´s. Klar, die müssen die Zimmer weitervermieten, aber das ist trotzdem traurig, gerade in einer christlichen Einrichtung. Genau zu erfahren woran jemand gestorben ist, ist ein zweischneidiges Schwert. Ich glaube, wenn die erfahren, wie jemand verstorben ist, kriegen viele Angst vor dem Sterben, der hatte gelitten und so… Da weiß ich nicht, ob man es jedem erzählen sollte. Ich kann mir vorstellen, dass viele Sensible dann vom Balkon springen oder vors Auto laufen.

 

  • Woher nehmen/nahmen Sie die Kraft, wie schützen Sie sich, wie grenzen Sie sich ab, was ist Ihr Ausgleich?

Am Anfang des FSJ´s konnte ich mich gar nicht abgrenzen, weil ich vorher mit Tod noch nicht wirklich in Berührung gekommen bin. Bei meinem Großonkel bin ich damals auf der Beerdigung zusammengebrochen. Ich habe mal eine Tote berührt, die war kalt und steif, da bin ich so zusammengezuckt. Mein Freund gibt mir sehr viel Halt, der Sohn von meinem Freund und die Familie. Meine Eltern nicht wirklich. Als mal bei der Pflege einer gestorben ist, haben die gesagt, das gehöre dazu. Meine Oma gibt mir sehr viel Halt. Ich habe das gerne, wenn man mich einfach mal in den Arm nimmt, dass jemand da ist. Man muss mich nicht zuquatschen, aber dass jemand da ist und einen in den Arm nimmt. Das ist für mich wichtig, und das sollte man auch vielmehr mit den Angehörigen machen, wenn jemand stirbt. Ich biete dann auch Kaffee an, ich dräng mich dann immer so ein bisschen auf, weil ich finde, das gehört dazu. Die Angehörigen sind ja auch ein Teil der Familie hier – nennen wir es mal Familie. Das ist ja nicht nur Pflege.

Aber der Sohn von meinem Freund muntert mich wirklich richtig auf. Der ist jetzt 3 Jahre alt. Auch als ich jetzt die Woche krank war, hat er immer nach mir geguckt. Da kann es einem so schlecht gehen, wie es will. Kinder heitern einen sofort auf.

 

  • Was hätten Sie gebraucht?

Fußball zur Ablenkung, ich gucke gerne Fußball auf dem Sportplatz. Wir hatten gestern ein Spiel und da war richtig Stimmung, da verkaufen wir dann Getränke und Lebensmittel. Da war richtig was los, das war cool. Was ich hier im Haus gebraucht hätte? Vielleicht mal in den Arm genommen werden. Oder dass der Chef mal kommt. Klar die kümmern sich super, die Leitung ist supernett, aber dieses so „abarbeiten“ finde ich krass. Ich meine, das muss wahrscheinlich so sein, aber ich habe da zu viel Herz für. Deshalb könnte ich auch nie in die Position einer Pflegedienstleitung oder Heimleitung gehen. Weil ich da nicht so viel Herz geben könnte, und weil ich eine einwandfreie Pflege sicherstellen möchte. Das kann man unter den Bedingungen kaum schaffen. Da muss die Politik erst was ändern. Die können nicht mehr Leute einsetzen, als sie haben. Die haben einen bestimmten Geldschlüssel und können dann nicht mehr Leute einstellen. Auch die Kirche müsste in dieser Hinsicht viel menschlicher sein. Gerade eine kirchliche Einrichtung muss doch darauf Wert legen, dass es den Leuten einwandfrei gut geht.

 

  • Wenn Sie in Ihrem FSJ Zauberkräfte gehabt hätten, wie hätten Sie sie eingesetzt?

Ich hätte mehr Pfleger gezaubert. Das wären bessere Bedingungen für die Bewohner und für die Pfleger – für alle eigentlich. Man merkt immer, dass da so ein Zwist ist: machst du alles richtig bei dem Zeitdruck. Hat man was vergessen, kriegt man wieder Zoff mit den Kollegen. Das ist dann auch ein Problem, dass es hier friedlich zu geht, denn die Leute merken das auch. Gerade die Dementen sind da nämlich sehr feinfühlig. Man sagt immer, die merken nichts, aber die sind total feinfühlig. Stimmungsschwankungen kriegen die sofort mit. Auch, die da liegen, die nichts mehr können. Man denkt immer, die kriegen nichts mit, aber von wegen. Die kriegen auch mehr mit, wenn sie im Wachkoma liegen, als man denkt. Da haben wir in der Schule drüber gesprochen. Sie können sich halt nur nicht mehr ausdrücken. Man sollte jedem respektvoll gegenüber treten. Die haben so viel durchgemacht, und wenn ich dann höre, na schnell schnell, beeilen Sie sich doch mal – das geht nicht. Man muss respektvoll sein, das lernen wir auch in der Schule, aber das wird nicht immer umgesetzt und das ist ein Riesenproblem. Ich selber mache das hier für die Leute, ich mache das nicht für mich. Ich mach das nicht, um Geld zu verdienen. Ich mache das aus sozialer Motivation. Und das ist ein himmelweiter Unterschied. Das unterschätzen viele, die denken, Pflegeberuf, passt schon. Aber wenn ich mit Menschen nicht kann und die Geduld einfach nicht habe, hat man in Pflegeberufen nichts verloren. Das ist nicht böse gemeint, aber das ist mein persönliches Empfinden. Weil man auch merkt, dass die ganz anders mit den Leuten umgehen.

 

  • Wenn Sie sich Ihr eigenes Alter vorstellen, welche Farben sehen Sie?

Pink, ich bin ein Pink Freund, ich möchte kein Weiß haben, sondern knallige Farben, rote Rosen, eine wirklich schöne Atmosphäre. Wenn ich mich in einem tristen Raum sehe, würde ich einen Koller kriegen. Und das wird sich auch im Alter nicht ändern. Ich würde auch noch die Musik hören, die ich heute höre, zum Beispiel die Charts, ein bisschen Schlager, alles Mögliche.

 

  • Wenn Sie zwei Wünsche für Ihren letzten Lebensabschnitt frei hätten, was wäre das?

Eigentlich, dass ich gesund bin. Und dass es mir gut geht, und ich in meinem sozialen Umfeld bleiben kann. Dass ich nicht weggeschoben werde, wie man das bei vielen mitkriegt. Die werden dann einmal im Monat besucht. Das wäre für mich der Horror. Deshalb würde ich meine Oma auch nicht ins Heim geben, da würde ich sie eher zu Hause pflegen, auch wenn ich dann in der Zeit viel von mir aufgeben würde. Das wäre mir egal. Oder ich würde sie jeden Tag besuchen gehen. Aber man kann die Angehörigen ja nicht zwingen zu kommen. Und wenn kein Angehöriger zu jemandem kommt, dass man sich mehr mit den Leuten beschäftigt, die keinen haben. Die merken auch, dass sie nur abgestellt sind. Es ist ja nicht so, dass das an denen spurlos vorübergeht. Da muss man sich nichts vormachen, egal ob sie dement sind oder nicht. Viele warten auch, dass ein Angehöriger kommt, dass sie noch etwas klären können. Das hat auch unsere Lehrerin in der Schule erzählt. Die kannte einen im Altenpflegeheim, der wollte im Sterbeprozess noch auf eine Baustelle. Was hat sie gemacht? Die ist mit ihm zur Baustelle gefahren, damit er dann in Ruhe sterben konnte. Wenn die Leute noch irgendwas offen haben, egal was, wo sie hin wollen oder wen sie sehen wollen – sofort bestellen, dann erspart man denen jede Menge Leid. Viele warten auch, bis die Angehörigen da sind, bevor sie gehen. Da muss man gucken, dass das auch gewährleistet ist, dass die ihren letzten Wunsch erfüllt kriegen. Es ist natürlich schwierig je nachdem, was man für einen letzten Wunsch hat.

 

  • Was möchten Sie auf keinen Fall erleben, wenn Sie alt sind?

Abgeschoben werden oder schlecht behandelt werden. Denn ich habe, wenn ich so alt bin, auch geleistet, was andere geleistet haben, und dann möchte ich auch anständig behandelt werden. Und einfach, dass es friedlich ist, dass die Welt in Harmonie ist und nicht, dass – wie es mittlerweile so aussieht – der dritte Weltkrieg kommt. Das wäre für mich der Horror, wenn ich im Krieg sterben würde. Oder auch jetzt mit den Attentaten, das wäre für mich kompletter Horror. Ich weiß nicht wie ich das erklären soll, aber dass man mit einem guten Gefühl geht, dass noch alles in Ordnung war, ist mir wichtig. Zur Zeit ist auf der Welt für mich nichts in Ordnung. Man lebt ständig in Angst, dass irgendwas passiert, guckt sich in den Zügen dreimal um – das ist für mich schrecklich. Für viele klingt das bescheuert, die sagen, mach doch keine Panik. Aber für mich ist das topaktuell. Es muss geregelt werden, dass man wieder friedlich ist auf der Welt und in Harmonie zusammenlebt. Das macht doch uns Menschen aus. Wenn nicht der Fanatismus dazukommt, das ist das Schwierige. Dieses Fanatische muss komplett raus aus den Köpfen.

 

  • Was stellen Sie sich im Alter unter Glück vor?

Ein gesundes, zufriedenes Leben mit dem Partner zu führen, dass sich die Kinder um einen kümmern und nach einem gucken. Und das man einfach aufgehoben ist, dass man noch Familienfeste feiert. Oder, wenn ich keine Familie hätte, wären da genug Freunde, mit denen ich feiern würde. Ich finde schnell Anschluss und bin relativ offen. Es ist für mich wichtig, sich nicht zurückzuziehen im Alter. Aber man verändert sich auch und ich weiß, dass man dann vielleicht auch anders tickt. Man muss den richtigen Weg für sich selber finden.

Vielleicht mache ich auch eine Weltreise. Wer weiß das schon? Ich würde mir so gerne verschiedene Gebiete angucken, wie es den Leuten da wirklich geht, was da wirklich abgeht. Man hat ja gar keine Vorstellung, was in Afrika wirklich los ist. Ich würde liebend gerne an einem Hilfsprojekt teilnehmen und dann wirklich mit anpacken und etwas aufbauen. Oder ich würde hier ein Hilfsprojekt gründen. Es gibt genug arme Kinder oder arme, alte Leute in Deutschland.

Ich habe letztens im Fernsehen ein Altenheim gesehen, da drunter war direkt ein Kindergarten. Da haben die Alten mit den Kindern zusammen gespielt. Das war so toll. Die haben sich so gefreut, wenn die Kinder kamen, haben mit denen gespielt und vorgelesen und waren noch im Leben drin. Und so kann man, glaube ich, auch die Demenz verlangsamen. Denn wenn die Leute noch eine Aufgabe haben, fühlen die sich gebraucht und machen auch mehr. Hier kommen ja auch manchmal Kinder hin, oder ein Kinderchor, aber das könnte ruhig öfter sein.

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