„Wenn ich mal alt bin und hoffentlich weise, fände ich es toll, wenn ich vielleicht Jugendlichen Ratschläge geben könnte. Dann würde ich auch merken, dass ich meinen Beitrag zum Leben noch gebe und nicht als alter Mensch irgendwo vergessen werde.“

mario

Mario Andreas, 23 Jahre, nach verschiedenen Praktika begann er sein FSJ im Altenpflegeheim, inzwischen ist er ausgebildeter Betreuungsassistent.

Der Wunsch, im Seniorenbereich zu arbeiten, hat sich für mich durch das FSJ ergeben. Wenn man mich vorher gefragt hätte, was wäre der Beruf, den Du dir niemals vorstellen könntest, hätte ich gesagt, ich könnte niemals im Altenheim arbeiten. Ich hatte vorher Erfahrungen in kaufmännischen und handwerklichen Berufen gemacht. Dann hat ein Freund von mir gesagt, hey, ich mache jetzt ein FSJ im Altenheim, willst du das nicht auch mal ausprobieren? Ich habe dann gedacht, ich probiere mal diese Schiene und habe das FSJ angefangen.
Im FSJ habe ich mich dazu entschieden, im sozialen Bereich tätig zu werden. Ich brauche den Kontakt zu Menschen, ich bin ja auch ein sehr lebhafter Mensch. Eine Arbeit im Büro wäre nichts für mich. Ich habe mein FSJ gemacht, habe es anschließend um ein halbes Jahr verlängert und bin dann in die Ausbildung gegangen zum Sozialassistent. Diese Ausbildung kennen wenige, es ist eine zweijährige Ausbildung, schulisch, mit 16 Wochen Praktikum. Wenn man diese Ausbildung gemacht hat, hat man auch direkt den Schein für den Betreuungsassistenten nach § 87b. Ich habe dann die Ausbildung gemacht und arbeite seitdem hier.
Jetzt hole ich mein Fachabi nach und möchte danach studieren. Was ich studiere, da bin ich mir noch nicht ganz schlüssig. Das schwankt noch zwischen Soziale Arbeit und irgendwas im Gesundheitsbereich. Ich interessiere mich sehr für Sport, viele Schulen muss man aber selber bezahlen. Ich gehe auch auf Berufsmessen und werde da schon eine Lösung finden. Der Studiengang Soziale Arbeit ist zur Zeit sehr überlaufen, und ich bin halt auch sehr sportorientiert – ob das Sportmanagement ist, oder Bioscience and Health – aber das ist wieder eine private Hochschule.

Ich arbeite wirklich gerne mit alten Menschen, ich bin seit etwa 5 Jahren hier, ich find´s gut, mir macht es Spaß. Ich kann mir auch vorstellen hier auch in Zukunft zu arbeiten. Das ist das Positive am sozialen Bereich, da wäre ich relativ flexibel. Der Bereich ist sehr groß, und ich müsste nicht 40-50 Jahre in derselben Einrichtung arbeiten.
Dass ich hier im Altenpflegeheim gerne arbeite, hat sich im FSJ allmählich ergeben. Wenn ich hier reinkomme und Freude machen konnte, dann hat mir das echt gut getan. Es hat sich so entwickelt, dass ich den Spaß am Arbeiten mit alten Menschen gefunden habe. Man kriegt viel zurück, nicht nur von den Alten, sondern auch von der Einrichtung selber. Mir wurde eine Zeitlang durch die Erkrankung meines damaligen Chefs des Sozialen Dienstes viel Verantwortung übertragen. In der Zeit konnte ich mich bewähren und erhielt ein sehr gutes Arbeitszeugnis. Dieses Feedback von der Einrichtung, dass ich ein guter Mitarbeiter bin, hat mir sehr gut getan.
Deswegen probiere ich auch immer sehr engagiert zu sein. Erfahrungen mit alten Menschen hatte ich vor dem FSJ gar nicht, meine deutschen Großeltern habe ich gar nicht gekannt, ich wurde nur nach meinem Opa benannt. Ich bin halber Grieche und meine griechischen Großeltern habe ich kennengelernt, aber die wohnen halt in Griechenland. Zuerst waren wir immer regelmäßig dort, aber dann auch mal 8 Jahre gar nicht. Als ich dann mit 20 Jahren erst wieder hinfuhr, war alles ganz anders. Alle waren plötzlich kleiner als ich, obwohl ich vorher immer zu ihnen aufgeschaut hatte. Ich habe schon gemerkt, als ich hier im Heim anfing, dass mir der Kontakt gefehlt hatte. Meine deutschen Großeltern sind leider vor meiner Geburt gestorben. Wenn ich früher mit Freunden am Wochenenden spielen wollte, sagten die, nein, wir sind bei Opa und Oma. Das hatte ich leider nie, ich weiß gar nicht wie das ist, Großeltern zu haben. Vielleicht fühle ich mich deshalb auch so wohl im Altenheim.

 

  • Was heißt für Sie „Alt sein“?

Also ich muss sagen, durch das Altenheim habe ich eine ganz neue Perspektive bekommen. Früher dachte ich, mit 50, 60 wäre man alt. Aber überhaupt nicht – blutjung ist man für mich dann noch. Man sagt ja, man ist immer so alt wie man sich fühlt und – tja – ich denke genauso. Also alt ist man wirklich so ab einem Alter von 80. Also dann finde ich, ist man erst alt, vorher nicht. Ich habe auch Leute gesehen, die mit 80 oder 90 total fit sind und mit über 100 am Rollator gingen. Das hat mich total fasziniert. Alt sein bedeutet für mich, nicht mehr das machen zu können, was man möchte. Das sehe ich bei manchen Leuten, die gerade erst 80 sind, nicht. Viele können sich noch prima artikulieren, die können noch gehen, die wohnen teilweise noch alleine zu Hause und kommen zurecht.

 

  • Nennen Sie fünf Begriffe, die Ihnen spontan zu Ihrer Zeit in der Altenpflege einfallen.

Psychische Arbeit – Stress – Freude – Tod – Trauer

Wenn ein Bewohner stirbt, dann sehe ich halt die Angehörigen, schaue in die Gesichter und denke, die haben jetzt einen Menschen verloren. Am Anfang war das noch so, dass ich abwägen musste, inwieweit ich an mich ranlasse, wenn jemand stirbt. Da gab es auch noch vor kurzem einen Bewohner, wo es mir sehr, sehr nahe ging. Aber mittlerweile gehe ich so damit um, dass ich für mich die Distanz wahre. Dem Bewohner zeige ich, dass ich ein Freund bin, mit mir kann man über alles reden. Der enge Kontakt ist da, aber für mich selbst gibt es eine klare Grenze. Das Altenheim ist halt die letzte Station und man stirbt meistens dort. Wenn ich das alles an mich ranlassen würde, würde ich so nicht lange arbeiten können. Nach den ersten Verlusten, die ich erlebt habe, habe ich mir selber gesagt, das geht so nicht weiter. Ich kann nicht andauernd traurig sein, weil hier ein Mensch stirbt, weil den Job machst du jetzt. Das war eine Entscheidung, aber es ist auch so gewachsen. Ich habe mir gesagt, dass man dann nicht trauern muss. Der Tod gehört zum Leben dazu und seit ich hier arbeite, habe ich mich mit dem Tod auch abgefunden. Ich sehe den Tod jetzt anders, als ich ihn vorher gesehen habe. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich früher niemals über den Tod sprechen konnte. Und wenn über den Tod gesprochen wurde, habe ich als Kind sofort angefangen zu weinen. Aber mittlerweile kann ich das wirklich gut. Das merke ich bei mir in der Familie auch, dass ich am besten damit klarkomme. Mein Vater zum Beispiel ist schwer krank, da weiß man nie, wann es eintrifft. Als wir ihn mal im Krankenhaus besucht haben, konnte ich am besten mit der ganzen Trauer umgehen. Das haben meine Familienmitglieder auch gesagt.

Tja – irgendwann kam das einfach, dass ich das besser trennen konnte. Ich glaube, ich mache das ganz gut. Nein, verloren geht mir dadurch nichts. Ich habe ja trotzdem noch diesen engen Kontakt zu den Bewohnern und kann das auch ganz gut vermitteln. Aber ich bin froh, dass ich da Grenzen ziehen kann. Ich würde auch auf die Beerdigung gehen, mich von der Person verabschieden, aber ich traure dem nicht nach. Dann muss ich weitermachen, dann kommt der nächste Bewohner, mit dem ich mich vielleicht ganz gut anfreunde. Am Anfang war das ganz schwierig. In meinen ersten 2 Wochen ist mir schon eine Bewohnerin ans Herz gewachsen, die war nett und ich habe mich super mit ihr verstanden. Die ist dann irgendwann auch verstorben und da habe ich gedacht, hui – das tut dir jetzt relativ weh. Und dann ging das etwa mit 3-5 Bewohnern noch so weiter, bis ich dann gesagt habe, es muss sich etwas ändern.

Ja ich habe hier im Haus Menschen, mit denen ich darüber reden könnte. Aber auch Zuhause hätte ich meinen besten Freund oder meine Familie natürlich. Es ist eigentlich nicht nötig, aber wenn ich jemanden bräuchte, würde ich das auch in Anspruch nehmen.

 

  • Welche besondere Begebenheit während Ihres FSJ fällt Ihnen ein, die Sie nie vergessen werden?

Ich fand mein gesamtes FSJ total super. Da hatten wir zum Beispiel die FSJ Fahrt mit allen, das hat die ganze Gruppe noch mal zusammen geschweißt. Das fand ich sehr schön. Und die andere Begebenheit ist die, worüber wir eben gesprochen haben. Hier im Wohnbereich ist ein Bewohner gestorben, mit dem ich mich absolut am besten verstanden habe. Der hat auch immer gesagt: „Mario, wir hätten uns zu einer anderen Zeit kennenlernen müssen, dann hätten wir Neuss unsicher gemacht.“ Wir haben uns auch gegenseitig Geschenke gemacht, das war wirklich ein sehr enges Verhältnis, was wir hatten. Obwohl ich dann schon länger hier gearbeitet hatte, hat mich sein Tod dann richtig getroffen. Da habe ich mir dann endgültig gesagt, jetzt musst du aufhören damit, dich so sehr an Bewohner zu binden. Das war das intensivste Erlebnis, was ich hier hatte. Ich kannte ja die gesundheitliche Situation bei ihm, aber es kam dann halt sehr plötzlich. Das hat mich dann so erschreckt. Ich kam aus meinem freien Wochenende, ich hatte Urlaub und habe das erst hier erfahren. Eigentlich hatte ich damals meiner Chefin gesagt, dass ich gerne, auch wenn ich Urlaub habe, mitbekomme, wenn etwas ist. Ich bin aber hier reingekommen und bekam dann die Nachricht. Das war etwas erdrückend, sag ich mal. Hätte ich es gewusst, wäre ich gekommen und hätte mich noch von ihm verabschieden können. Ja, ich fühle mich noch mit ihm durch den Sport verbunden. Ich bin Kampfsportler und er hat das 40 Jahre gemacht. Ich habe mir auch von ihm Ratschläge geholt, auch zu Techniken. Ich glaube, durch den Kampfsport bin ich mit ihm noch irgendwie verbunden. Also ich denke regelmäßig an ihn, wenn ich bei uns im Training kämpfen gehe.

 

  • Gibt es für Sie Vorbilder, wenn Sie ans Altwerden / Alt sein denken?

Ja – da muss ich meinen Vater nehmen. Der ist erst 65, und das ist ja kein Alter, aber mein Vater ist mein absolutes Vorbild. Der ist dem Tod schon einige Male von der Schippe gesprungen. Er geht mit einem so riesigen Optimismus ans Leben heran. Er schreibt auch ein Buch, das soll am Ende heißen „Mit Humor ins Delirium und wieder zurück.“ Da freu ich mich schon sehr drauf. Ja, mein Vater ist mein absolutes Vorbild, weil er einen gewaltigen Optimismus hat im Leben und er lässt sich von all den Krankheiten nicht unterkriegen. Er hat seinen Frieden gefunden. Er sagt, er möchte nicht, aber er kann jetzt sterben. Ich glaube, mein Vater kann jetzt besser mit mir darüber reden, seit ich hier arbeite. Wir haben auch darüber gesprochen, wie alles vonstattengehen soll, wenn der Todesfall eintritt. Mein Vater hat auch gesagt, dass ich durch die Arbeit im Altenheim reifer geworden sei. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu meinem Vater, aber jetzt habe ich ein reiferes, erwachsenes Verhältnis zu ihm. Ich kann um einiges besser jetzt mit dem Thema Tod umgehen. Ich mal mir auch schon mal aus, wie das ist, wenn ich sterbe, zum Beispiel, wie die anderen Leute darauf reagieren. Aber dann wird mir direkt wieder flau im Magen und dann versuche ich schon, die Gedanken wieder auf ein anderes Thema zu lenken.

 

  • Was imponiert Ihnen bei alten Menschen?

Lebenserfahrung imponiert mir, davon kann man viel lernen. Wie man Situationen und Dinge sehen kann, und wie reif man damit umgeht. Aber dann gibt´s auch andere, wo ich denke, jetzt bin ich wieder im Kindergarten. Also auch Leute, die nicht demenziell verändert sind und ganz klar im Kopf sind, sich aber nicht wie ein Erwachsener verhalten. Ja, es ist Reife und Lebenserfahrung, die ich bewundere, die ich auch einmal haben möchte.

 

  • Was bedeutet für Sie „Weisheit im Alter“?

Ein langer weißer Bart – nein, ich würde auch sagen, Lebenserfahrung. Wenn man anderen Leuten Tipps und Ratschläge geben kann, die einen weiterbringen. Man muss dazu nicht total intelligent sein und ein super Allgemeinwissen haben, um weise zu sein. Ich denke einfach, wenn man weiß, wie man anderen Leuten hilft und wenn man denen vernünftige Ratschläge zum Leben geben kann, das bedeutet für mich Weisheit. Dazu gehört auch, dass man sich öffnet für andere.

 

  • Kann ein von Demenz betroffener Mensch für Sie weise sein?

Demenz ist eine Krankheit. Das heißt für mich nicht, dass der Mensch nicht mehr weise sein kann. Auch diese Menschen haben in ihrem Leben einiges durchgemacht, was ihre Lebenserfahrung geprägt hat. Auch ein demenziell veränderter Mensch kann Ratschläge fürs Leben geben. Ich habe mal eine bettlägerige, demenziell veränderte Person erlebt, die habe ich gefragt, wie es ihr geht. Sie sagte: „Ja, mir geht es ganz gut. Und wie geht es Dir Mario?“ „Ja, mir auch ganz gut, nur im Privaten, da läuft´s manchmal nicht so…“ Dann hat sie mir tief in die Augen geguckt und sagte: „Immer locker bleiben, Mario.“ Für mich hieß das, ich soll die Dinge nicht so eng sehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass so etwas von dieser Bewohnerin kommt. Das war nicht nur so dahingesagt.

 

  • Nennen Sie drei Charaktereigenschaften, die Sie im Alter besonders wichtig finden.

Humor – Freundlichkeit – Hilfsbereitschaft

Ich würde immer versuchen, anderen zu helfen, vielleicht mit Kleinigkeiten. Halt mit dem, was mir zur Verfügung steht. Später, wenn ich irgendwann alt bin, dann hätte ich gerne den Kontakt zu allen Generationsgruppen. Wenn ich mal alt bin und hoffentlich weise, fände ich es toll, wenn ich vielleicht Jugendlichen Ratschläge geben könnte. Dann würde ich auch merken, dass ich meinen Beitrag zum Leben noch gebe und nicht als alter Mensch irgendwo vergessen werde. Das wäre mir sehr wichtig.

 

  • Nennen Sie Farben, die Sie mit Ihrer Zeit in der Altenpflege verbinden.

Die Farbe Schwarz, als Farbe des Todes. Grün, als Farbe der Hoffnung. Weil ich hier auch schon Bewohner erlebt habe, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind und weiterkämpfen und die Hoffnung nicht aufgeben. Und Rot, die Farbe der Liebe. Bei demenziell veränderten Bewohnern habe ich schon ganz oft die Rolle des Enkels eingenommen. Da hat man gemerkt, diese Liebe, die die quasi Großmutter für einen empfindet, die ist schon sehr groß. Aber auch die Liebe der Bewohner zu den Angehörigen, zu den Töchtern, kriege ich auch sehr stark mit. Das finde ich toll, wenn gerade die Kinder sich noch so sehr um ihre Eltern kümmern. Man weiß nie, was vorher in der Vergangenheit abgelaufen ist, warum manche Kinder ihre Eltern nicht besuchen kommen. Ich finde, selbst wenn ich mich mit meinen Eltern total zerstreiten würde, ich würde niemals meinen Frieden finden können, wenn ich wüsste, ich hätte meine Eltern gehenlassen, ohne dass ich mich mit denen wieder verstehen würde. Deswegen die Farbe Rot.

Ja ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Ich denke, dass man als etwas anderes vielleicht wiedergeboren wird. Vielleicht mit ganz anderen Charaktereigenschaften, vielleicht nicht mal als Mensch. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass danach nichts mehr passiert. Dann ist der alte Körper vielleicht nicht mehr da, aber irgendwas Neues muss dahinter kommen. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich als Tier wiederkäme? Mein Lieblingstier ist der Steinadler, so was würde ich ganz cool finden. Ich fühle mich in Griechenland sehr gut aufgehoben, ich bin halber Grieche, liebe die Mentalität und das Leben im Dorf. Da ist irgendwie die Zeit stehen geblieben. Da fände ich es schön, da ist nichts mit Medien. Ja in Griechenland wäre ich gut aufgehoben.

 

  • Gibt es etwas, was Sie besonders traurig gemacht hat?

Wir hatten eine nette Bewohnerin, die hat in mir auch ihren Enkel gesehen hat, weil sie demenziell erkrankt war. Sie war wirklich total freundlich und hatte Angehörige, die ich hier noch nie in der ganzen Zeit, in der sie hier wohnte, gesehen hatte. Als sie dann verstorben ist, standen am Grab ein oder zwei Leute. Da habe ich mir gedacht, wie kann das bei einer so lieben netten Frau sein, dass so wenige an ihrem Grab stehen. Dann habe ich mir überlegt, wie wäre das bei mir, wie viele Leute würden bei mir am Grab stehen und trauern. Aber dass bei ihr so wenige waren, das hat mich gestört, das war traurig. Wir haben Bewohner hier, die verstehen sich blendend mit ihren Kindern, die Kinder kommen die aber auch täglich besuchen. Bei den Charaktereigenschaften der Kinder denke ich auch manchmal, da hat die Mutter aber einen super Job geleistet. Die sind so höflich erzogen worden und sind so freundlich. Aber es gibt auch wiederum diejenigen, die ihre Eltern nicht häufig besuchen. Angehörigenarbeit mache ich nicht, das macht bei uns aber Frau B., ich versuche eher, quasi der Ersatz für Angehörige zu sein. Dafür gibt es die Einzelbetreuung, aber da ist leider wenig Zeit. Das hat auch mit dem Mangel an FSJlern zu tun, den wir im Moment haben.

Ich muss daher oft im hauswirtschaftlichen Bereich tätig sein. Ich hoffe, dass die Zeiten sich wieder ändern. Ich komme zwar relativ gut mit den Einzelbetreuungen hinterher, ich habe auch heute schon einige gemacht. Aber es sind weniger, als mir lieb ist. Ich gehe möglichst viel in Einzelbetreuungen, gerade auch zu denen, die bettlägerig sind und nicht an den Angeboten teilnehmen können. Da nehme ich mir auch mehr Zeit. Ich schwöre total auf die Sinneswahrnehmung, ich mache viel basale Stimulation, mit Kontakt über Haut oder Gerüche. Zum Beispiel massiere ich die Arme oder gehe mit der kleinen Stachelwelle über die Arme und den Nacken. Das finden sie herrlich. Also bei den Bettlägerigen, die sich nicht äußern können, weiß ich es nicht. Ich kann es nur am Gesichtsausdruck versuchen festzustellen. Über die Wahrnehmung können sie so noch Kontakt nach Außen feststellen. Dabei rede ich auch mit ihnen, und manchmal singe ich auch etwas vor. Ich gucke vorher bei jedem neuen Bewohner in die Biographie und schaue, was sie früher gerne mochten, welche Gerüche sie lieben oder welche Musik sie früher gehört haben. Es geht viel über Musik. Wenn ich die basale Stimulation mache, schalte ich ihre Lieblingsmusik an – alte Volkslieder zum Beispiel – und fange an mit ihnen zu singen und mit den Armen zu schunkeln. Hauptsache, sie merken, dass da noch Kontakt nach außen ist. Das ist auch für die wichtig, die nicht das Glück haben, von den Kindern besucht zu werden. Ich kann auf keinen Fall ein Kind ersetzen, aber ich möchte derjenige sein, mit dem sie darüber reden können. Manche Bewohner gehen darauf ein. Aber es gibt auch welche, die sagen, nein, das möchte sie mit sich selber ausmachen.

Ich merke an mir den Willen und Drang zu helfen, auch wenn ich in der Stadt bin, zum Beispiel, jemandem, der mit dem Rollstuhl nicht in den Bus kommt. Ich gehe dann aber auch nicht direkt hin und helfe ihm, sondern frage erst mal ganz dezent, ob man helfen darf. Es gibt Leute, die das wiederum gar nicht toll finden. Die wissen, dass sie im Rollstuhl sitzen und wollen deshalb nicht bemitleidet werden. Und das akzeptiere ich absolut.

 

  • Woher nehmen/nahmen Sie die Kraft, wie schützen Sie sich, wie grenzen Sie sich ab, was ist Ihr Ausgleich?

Sport, muss ich ganz klar sagen, ist für mich wichtig. Und natürlich auch der andere zwischenmenschliche Kontakt mit den Freunden und der Familie. Aber Sport ist das Primäre, da kann ich dann den ganzen Frust einfach rauslassen. Mir geht´s danach besser als vorher. Man muss auch ehrlich sagen, man ist danach auch zu kaputt, um noch über etwas nachdenken zu können.

 

  • Wenn Sie in Ihrem FSJ Zauberkräfte gehabt hätten, wie hätten Sie sie eingesetzt?

Ich würde eventuell versuchen mehr Kräfte einzustellen, die sich um die Küche und die Verteilung des Essens kümmern können, damit die Betreuungskräfte halt die Möglichkeit haben, sich mehr auf die Betreuung zu konzentrieren. Aber der Leitung sind da bestimmt irgendwie die Hände gebunden. Und leider ist es auch so, es gibt nicht mehr viele Leute, die sich gerade für den Bereich interessieren. Ich denke Klischees sind der Grund dafür, die hatte ich ja früher zum Teil selber. Zum Beispiel, im Altenheim müsste man ekelhafte Sachen machen, aber das ist ja wirklich völliger Quatsch. Ich war selber in der Pflege, und ich muss ehrlich sagen, ich fand´s überhaupt nicht schlimm. Man hat sich so schnell an alles gewöhnt. Ich bin nur nicht mehr in der Pflege, weil ich den betreuerischen Teil interessanter finde. Ich bin dann auf einer anderen, freundschaftlichen Ebene mit den Bewohnern und das gefällt mir!

Wenn ich richtige Zauberkräfte hätte? Dann würde ich ein großes, gemeinschaftliches Haus schaffen. Und eventuell sogar ein Altenheim mit integriertem Kindergarten, weil die Kinder von den alten Leuten Lebenserfahrung sammeln und viel lernen können. Ältere Leute erfreuen sich ja quasi immer an Kindern. Sowas fände ich bestimmt ganz schön, ein Riesengarten mit einem Riesenteich und viel pädagogische Arbeit mit Tieren, das finde ich sehr wichtig – ja sowas würde ich mir vorstellen. Und größere Zimmer? Ich muss sagen, es gibt Leute, die sollten auf jeden Fall ein Einzelzimmer haben, aber es gibt auch diejenigen, die so wie ich lieber Kontakt mit anderen hätten. Ich würde es nicht so schön finden, wenn ich allein auf dem Zimmer wäre.

Ich glaube, wenn ich Zauberer wäre, würde ich es für jeden so machen, wie er es selber gerne hätte. Es ist einfach so, dass Leute, die hierher kommen quasi wissen, dass es in den meisten Fällen die letzte Station ist. Gerade dann, finde ich, sollte man versuchen, so gut es möglich ist, denen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. So würde ich es auch selber haben wollen. Ja, ich könnte mir selber vorstellen, in einem Heim zu leben, absolut. Vorher habe ich auch gedacht, niemals, meine Kinder dürften mich niemals ins Altenheim stecken. Aber seit ich hier arbeite, freu ich mich sogar richtig darauf. Es kommt halt auch immer auf die eigene Einstellung an. Wenn man schon ins Altenheim geht und alles von vornherein trostlos findet, dann kann es auch nichts werden. Ich habe mal intensiv mit einem Bewohner darüber gesprochen, und er sagte, damals hätte er auch nicht ins Heim gewollt. Seine Kinder mussten ihn sehr lange überreden und jetzt sagt er, er war dumm, dass er den Schritt nicht eher gegangen ist. Wenn man mit Optimismus reingeht, dann kann es toll werden. Man hat ja auch Möglichkeiten, sich noch zu entfalten, etwas zu machen. Es ist ja nicht so, dass man total eingeschränkt ist. Es stimmt ja überhaupt nicht, dass man nicht machen kann was man will. Es ist ja kein Gefängnis hier. Ich denke, wenn ich mit Optimismus drangehe, dann freue ich mich aufs Altenheim – sehr sogar.

Gut, der körperliche Aspekt ist wieder eine ganz andere Sache. Im Altenheim zu sein ist schön und gut, wenn man selber die Kontrolle über seinen Körper hat, und von keinem abhängig ist, dann ist es wirklich schön. Wenn ich körperlich von jemand anderem abhängig wäre, der mich wäscht, der mir hilft, ist das vielleicht schwieriger. Ich kenne aber auch die Seite der Schwestern. Ich weiß, wie es ist, wenn sie im Stress sind, und dann klingelt noch eine Bewohnerin, weil sie auf Toilette muss. Aber die Pflegekräfte müssen sich nun mal auch noch um 20 andere kümmern, die das gleiche wollen. Deshalb hätte ich, wenn ich im Altenheim wäre, Verständnis dafür, warten zu müssen. Und wenn es gar nicht anders geht, dann hätte ich – auf gut Deutsch – halt Pech gehabt. Aber natürlich, wenn es die Möglichkeit gäbe, bei der Familie zu Hause zu sein, dann wäre das absolut schön. Aber wenn es nicht anders ginge, würde ich meine Familie verstehen und hätte deshalb auch kein Problem damit, ins Altenheim zu kommen. Mir wäre es nur wichtig, dass es halt ein ausgewähltes Altenheim ist, in dem man sich wohl fühlt und das gute Referenzen hat.

 

  • Wenn Sie sich Ihr eigenes Alter vorstellen, welche Farben sehen Sie?

Ganz bunt würde ich sagen, ganz schnörkelig und bunt. Ich hoffe, so ein bisschen wie mein Vater zu werden. Ich glaube, dass ich im Alter so ein verrückter Opa sein werde. Ich hoffe, dass ich dann ganz viel Humor hätte und das ich mit dem, was ich noch habe, anderen noch eine Freude machen könnte oder sie zum Lachen bringe. Ich weiß auch nicht, irgendwie ganz bunt, mit ganz vielen Fassaden und Schichten. So stell ich´s mir vor.

Grün und Blau sind meine Lieblingsfarben und Grün vielleicht als Farbe der Hoffnung, dass ich mir im Alter den Optimismus erhalte und mich selbst nicht aufgebe. Wenn ich merke, dass jemand seinen Lebenswillen verloren hat, dann würde ich es ihm auch von Herzen gönnen, dann sterben zu können. Aber wenn ich merke, dass jemand vorher sehr optimistisch war und lebensfroh, dass das vielleicht nur durch einen kleinen Rückschlag verlorengegangen ist, dann fände ich das sehr schade. Dann würde ich auch versuchen, diese Person wieder aufzurappeln, aber das ist schwierig. Gerade Leute im Alter haben sehr viel damit zu tun, wie gesund sie sind. Ich weiß gar nicht, wo mein Vater die Kraft hernimmt, keine Ahnung. Egal in welcher Situation man ihn fragt, er sagt: „Mir geht’s fantastisch!“ Das ist so bei ihm drin, und danach lebt er auch. Aber woher er das nimmt – ich habe keine Ahnung. Aber das versuche ich so von ihm zu übernehmen, das finde ich halt bewundernswert. Ja, es ist toll, wenn man in der Familie ein Vorbild hat, das macht vieles einfacher.

 

  • Wenn Sie zwei Wünsche für Ihren letzten Lebensabschnitt frei hätten, was wäre das?

Definitiv möchte ich meinen inneren Frieden gefunden haben. Ich möchte mich mit nichts mehr auseinandersetzen müssen. Ich möchte nichts mehr offen haben, ich möchte mit allen, die mich kennen, mit denen ich Kontakt habe, eine gute Beziehung haben, auch wenn das sonst im Leben nicht immer so war. Wenn ich auf meinem Sterbebett liege, möchte ich wenigstens auch mit diesen Leuten noch im Frieden auseinandergehen, das wäre mir selbst das Wichtigste von allem. Was noch? Meinen Traum würde ich mir erfüllen. Ich bin ein großer Fan von amerikanischen Muscle Cars. Ich möchte mal einen 79er Dodge Charger fahren. Das möchte ich mal gemacht haben, bevor ich gehe. Wenn´s auch nur etwas Materielles ist, aber das wünsche ich mir. Mein Traum ist es, so einen zu besitzen, aber ich glaube, ich verdiene nicht so viel Geld, um ihn bezahlen zu können. Der klassische ist Orange, aber ich möchte ihn gerne in Schwarz.

 

  • Was möchten Sie auf keinen Fall erleben, wenn Sie alt sind?

Das sehe ich täglich hier bei einer der Bewohnerinnen, die ich auch betreue. Im Bett zu liegen, sich nicht mehr bewegen können, sich nicht artikulieren können, wenn man gefangen im eigenen Körper ist – das würde ich nicht erleben wollen. Da möchte ich schon, dass man dann irgendwie eine Möglichkeit findet mich gehen zu lassen. Das stelle ich mir schrecklich vor. Man weiß ja nicht, wieviel die Leute noch mitbekommen. Ich glaube, dass die Leute mehr mitbekommen, als man denkt. Sollte ich irgendwann durch einen Unfall in ein künstliches Koma kommen, würde ich nicht direkt sagen, stellt die Maschinen ab. Aber ich würde sagen, gebt mir 2-3 Monate und wenn ich dann immer noch keine Lust habe, dann könnt ihr die Maschinen abstellen. Aber ich möchte wenigstens noch mal die Chance bekommen, zurückzukommen, weil ich selber zu viel Freude am Leben habe.

 

  • Was stellen Sie sich im Alter unter Glück vor?

Wie gesagt, den inneren Frieden. dass man sich mit allen versteht, dass man mit keiner Person zerstritten ist. Und dass man dann sagen kann, alles was ich erleben wollte, habe ich erlebt. Jetzt kann ich glücklich sterben. Ja, es gibt auch Leute, die verbittert sind. Aber ich weiß halt nicht, was damals abgelaufen ist. Es hat immer einen Grund, warum Leute bitter reagieren. Niemand ist verbittert, weil er etwas dafür kann. Das muss irgendeinen Grund haben. Manche Leute hatten einfach nicht die Wahl, sich für ein anderes Leben zu entscheiden, indem sie vielleicht glücklicher geworden wären. Deshalb nehme ich das auch gar keinem übel. Natürlich reg ich mich auch selber auf, wenn ich dann schon wieder beleidigt werde und denke, das ist doch kein Verhalten. Ich werde zum Beispiel von einer Bewohnerin Arschloch genannt, aber das sagt sie zu jedem bei jeder kleinsten Gelegenheit. Ich versuche mit Humor zu reagieren, aber am Anfang war das halt schwierig. Keiner wird gerne Arschloch genannt, aber man muss sich halt dann bewusst werden, in welcher Situation man mit dem Bewohner ist. Und das ist mir bewusst geworden, das geht bei mir da rein und da wieder raus. Ich denke, es hat einen Grund weshalb ein Mensch so ist, wie er ist.

 

  • Welche Frage würden Sie sich selber stellen?

Wie lange würde ich den Beruf machen wollen, wie lange hätte ich Spaß daran? Aber diese Frage könnte ich mir selber gar nicht beantworten. Es macht mir jetzt Spaß. Ich möchte das solange genießen, bis es nicht mehr geht oder bis sich eine andere Möglichkeit für mich öffnet, wo ich denke, das möchtest du jetzt mal ausprobieren. Ich bin zu interessiert an zu vielen Sachen. Aber ich kann sagen, wenn ich jetzt aus der Altenbetreuung rausgehen würde, hätte ich in 20 Jahren mit Sicherheit Lust, wieder in die Altenpflege zu gehen, weil mir der Beruf so Spaß macht.

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