„Ich habe großen Respekt vor der Generation, die jetzt im Altenheim ist. Ich glaube unsere Generation wird richtig schlimm, mit Handys, iPhones und Gangster Rap.“

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Lea, 20 Jahre, hat ihren Hauptschul- und anschließend ihren Realschulabschluss nachgemacht. Vor dem FSJ im Altenpflegeheim hatte sie mit ein FSJ beim Malteser angefangen. Lea möchte Polizistin werden.

Mir macht das schon Spaß. Wenn ich zur Arbeit komme und habe schlechte Laune, dann geht’s mir wieder gut, wenn ich meine Omis sehe, weil die einfach lächeln und lieb sind. Aber manchmal… ich habe auch im Moment kaum Zeit mich um die Bewohner zu kümmern. Am Anfang hatte ich richtig Lust zu arbeiten. Aber inzwischen? Ich komme nach Hause und bin so kaputt. Letztens wurde gesagt: „Eigentlich sind wir froh, dass es euch FSJler gibt. Ohne Euch wäre alles viel schwieriger.“ Wir arbeiten richtig viel. Wenn dann Arbeit von abends liegen bleibt und wir morgens so einen Haufen Geschirr haben, das ist dann ätzend. Und dann ist die Spülmaschine noch kaputt.

Ich hatte vor dem FSJ keinen Kontakt zu älteren Leuten. Eigentlich wollte ich nie etwas mit alten Menschen machen, ich hatte einfach keinen Bezug zu ihnen. Eher zu Kindern und Babys. Meine Mama ist selber Altenpflegerin, sie hat ambulante Krankenpflege gemacht. Als ich da mal mitgefahren bin, dachte ich, das ist gar nichts für mich. Diese eigenen Gerüche, das ist schon schwierig. Dann habe ich hier einen Tag hospitiert und es hat wirklich Spaß gemacht. Alte Menschen sind gar nicht so schlimm, sie sind nett und höflich und man ist wie ein Enkelkind. Das finde ich toll. Mein Berufswunsch ist eigentlich Polizistin, etwas ganz anderes. Wenn das mit der Polizei nicht klappen würde, gehe ich auch in die Justiz oder zum Zoll. Aber bei der Polizei zu sein, ist mein absoluter Traum, das wollte ich schon immer machen. Meine Tante und mein Onkel sind Polizisten. Ja, ich habe einen großen Gerechtigkeitssinn.

 

  • Was heißt für Sie „Alt sein“?

Früher dachte ich, dass man ab 40 alt ist, aber ich glaube, das ist bei uns Frauen so. Seitdem ich hier arbeite, hat sich das geändert. Manche, die ich hier sehe, sind 69 oder sogar 65. Da denke ich, krass, das ist nicht alt! Und wenn ich überlege, dass wir eine Oma haben, die 102 Jahre alt ist, denke ich: Wow. Also ich finde so ab 80 ist man alt. Obwohl manche Älteren noch ganz schön fit sind. Ich finde Alt sein schon irgendwie schlimm. Körperlich eingeschränkt kann man auch schon mit 20 sein, das ist ja nicht alt. Aber wenn du anfängst vergesslich zu werden, nicht mehr gut siehst, nicht mehr gut hörst? Ich glaube, dass ist ein Zeichen fürs Alt werden. Das ist ja nicht schlimm, das geht ja allen so.

 

  • Nennen Sie fünf Begriffe, die Ihnen spontan zu Ihrer Zeit in der Altenpflege einfallen.

Eklige Gerüche – Inkontinenz – Hilfestellungen – verwirrte Fragen – Kind sein

Ich finde, viele ältere Leute sind dann wieder wie ein Kind. Ich habe hier viel mit Dementen zu tun. Da finde ich schon, dass viele davon recht kindlich sind. Manchmal erfindest du mit Ihnen Geschichten, die überhaupt gar nicht sein können, aber die sie halt glauben. Das liegt dann am Krankheitsbild. Aber manche von Demenz Betroffene reden halt mit ihrem Kuscheltier oder einer Puppe, und das haben wir früher als Kinder ja auch gemacht. Ich finde das überhaupt nicht schlimm, ich denke mir dann halt Geschichten aus, die ich erzählen kann. Zum Beispiel, wir gehen da hinten einen Rock kaufen, oder wir gehen die Vögelchen angucken. Daran haben sie Spaß. Jemand, der alt aber nicht dement ist, ist natürlich nicht gleich wie ein Kind.

Wenn man sich mit Leuten unterhält, die noch klar sind, erzählen sie Dir Sachen, wo man als 20 jährige wirklich schluckt. Hätte ich oder unsere heutige Jugend in der damaligen Zeit gelebt, ich glaube, wir wären alle gestorben. Ich glaube wirklich, wir wären alle daran gestorben. Ich finde das schon hart, was manche Menschen durchgemacht haben. Und wenn ich dann höre, dass sie sich vergraben haben, oder verstecken mussten, als der Krieg war – das finde ich krass. Das ist ganz schön hart. Aber sie lachen dabei, die haben trotzdem diese Lebensfreude und trotzdem diesen Mut und diese Kraft. Von dem größten Teil unserer Jugend wäre damals nicht viel übriggeblieben.

Es gibt hier auch Bewohner, die lassen sich nicht so helfen. Ich glaube, das ist auch deshalb, weil sie damals auch alles alleine gemacht haben. Sie haben alleine die Kinder großgezogen, alles alleine geschafft, den Krieg überlebt, sich selber Essen gesucht. Deshalb haben auch viele diese Hemmung davor, über ihren Schatten zu springen und sich helfen zu lassen. Die Dame X, die besonders alt ist, die lässt sich gar nicht helfen. Manchmal sitzt sie auf ihrem Bett und sagt: „Hm, ich glaube, ich bräuchte jetzt doch etwas Hilfe.“ Aber trotzdem macht sie es dann alleine. Das verlangt so viel Mut und so viel Kraft. Ich habe großen Respekt vor der Generation, die jetzt im Altenheim ist. Ich glaube unsere Generation wird richtig schlimm, mit Handys, iPhones und Gangster Rap.

 

  • Welche besondere Begebenheit während Ihres FSJ fällt Ihnen ein, die Sie nie vergessen werden?

Für mich war bisher das Beste und Tollste, als meine Lieblingsomi mir gesagt hat, dass sie mich lieb hat, weil ich mich immer so nett um sie kümmere. Sie hat mich in ihr Herz geschlossen, hat sie gesagt, und das hat mich wirklich richtig berührt. Da hätte ich am liebsten geheult. Sie ist zwar dement, aber sie weiß, dass ich für sie da bin. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich sie trotzdem noch besuchen komme, wenn ich nicht mehr hier arbeite und trotzdem mit ihr spazieren gehen werde. Das weiß sie noch, obwohl sie dement ist. Besondere Dinge behalten die Dementen, und das war besonders für sie. Ich setze mich auch an ihr Bett, quatsche mit ihr und frage, wie es ihr geht. Dann umarme ich sie manchmal. Es kommt sonst kaum einer, der sie besucht und das finde ich wirklich schade. Dann mache ich das halt.

 

  • Gibt es für Sie Vorbilder, wenn Sie ans Altwerden / Alt sein denken?

Meine Oma, auf jeden Fall. Sie ist 79 und geht Turnen, geht ins Fitness Studio und wandert. Sie fährt Fahrrad, fährt Auto, sie ist komplett fit. Meine Oma hat sich wirklich immer fit gehalten, hat – glaube ich – 60 Jahre gearbeitet. Sie war OP- und Stationsschwester und hat 3 Kinder aufgezogen. Als meine Mutter 18 Jahre alt war, ist mein Opa gestorben, da war sie komplett alleine mit den Kindern. Sie hat ein eigenes Haus, pflegt den Garten, hat 6 Enkelkinder. Gestern waren wir 4 Mädels mit meiner Oma shoppen und sie hält länger durch als wir. Sie hat ein künstliches Knie, geht aber damit von Laden zu Laden. Und dabei hat sie die 4 Enkelkinder komplett im Griff. Meine Oma ist immer für jeden da. Wir können immer zu ihr fahren und ihr Sachen erzählen, die sonst niemand weiß. Und Sie hilft uns.

 

  • Was bedeutet für Sie „Weisheit im Alter“?

Also, wenn ich meine Oma frage: „Was soll ich machen“, dann weiß sie das. Ich glaube, das ist die Lebenserfahrung. Wenn man nicht weiter weiß, einfach Oma fragen. Früher mussten die sich ja auch mit allem selber helfen, die hatten nicht all die Putzmittelchen oder hatten nicht die nötige medizinische Versorgung. Meine Oma ist ein Kriegskind. Sie ist damals aus Schlesien geflohen, hat ihre Eltern erst mit 16 oder 17 kennengelernt. Das ist schon hart. Die hat sich selber Deutsch beigebracht, die hat immer um ihr Essen kämpfen müssen. Wir müssen die Kartoffeln nicht mehr aus der Erde holen, wir kaufen die einfach im Geschäft. Meine Oma hat ein neues Knie bekommen und konnte nach der Operation nicht still sitzen. 2 Stunden nach der OP ist sie wieder aufgestanden, sie konnte nicht sitzenbleiben und nichts tun. So ist auch meine Mama. Meine Mama hat seit 4 Jahren Krebs und macht seit 4 Jahren Chemotherapie, aber sie kann trotzdem nicht rumsitzen. Die würde am liebsten wieder arbeiten gehen. Ich glaube, so bin ich auch, ich kann auch nicht hier auf der Arbeit Sachen stehenlassen. Ich habe gerade ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich der Pflege jetzt wegen des Interviews die Sachen stehenlasse. Ich kann nicht gut anderen meine Arbeit aufdrücken.

 

  • Kann ein von Demenz betroffener Mensch für Sie weise sein?

Ja klar. Die wissen zwar nicht, was sie vor 5 Minuten gemacht haben, aber die wissen, was sie vor 20 oder 70 Jahren gemacht haben. Ich glaube auch, wenn ich jetzt hier jemanden um Rat frage, die 94 ist, die kann dir das genau sagen. Selbst Demente können dir sagen, was das Richtige ist. Es gibt ja auch so kleine klare Momente bei ihnen. Ok, manchmal denkt man schon, kann das so wirklich stimmen, weil sie auch Geschichten erfinden. Ich finde halt, diese Menschen sind mindestens 60 Jahre älter als ich und daher habe ich Respekt vor ihnen. Selbst wenn sie dement sind und im Kopf wie ein Kind sind sie immer noch erwachsen. Sie sind immer noch Respektpersonen für mich. Wir haben jemanden, der ist geistig behindert, vor dem habe ich auch Respekt. Der ist einfach wesentlich älter als ich. Das könnte mein Opa sein. Die meisten hier sind Frauen, es ist bewiesen, dass in Altenheimen mehr Frauen wohnen. Die haben schon ihre Männer verloren. Die meisten Männer sind auch in deren Armen gestorben, das finde ich krass.

Ich sitze dann manchmal neben meiner Lieblingsoma und überlege, wie kann das, was du ihr eben noch erzählt hast, innerhalb von 2 Minuten weg sein? Wie kann das im Gehirn einfach weg sein? Deshalb finde ich auch das Gehirn eine interessante Sache. Ich würde gerne herausfinden, warum das einfach weg sein kann. Wenn ich studieren würde, würde ich deshalb auch Medizin studieren oder Neurologie. Es ist einfach weg, und das finde ich so verblüffend. Da möchte man am liebsten selber mal kurz dement sein, damit man weiß, wie das ist, wie fühlen sich die Menschen? Ich finde das schon krass, wenn sie dann neben mir sitzt und sagt: „Jetzt habe ich das schon wieder vergessen, ich bin so blöd.“ Dann sage ich: „Nein, Du bist nicht blöd! Du kannst gar nichts dafür.“ Aber das kannst du denen in dem Moment einfach nicht erklären, das verstehen sie einfach nicht. Das ist schon manchmal echt hart. Es ist trotzdem ein sehr schöner Beruf. Ich würde jetzt nicht in die Pflege gehen, weil das nicht so ganz etwas für mich ist. Aber die Betreuung, mit den Menschen zu quatschen und denen Geschichten erzählen, das ist einfach schön. Ja, Sozialarbeit müsste man dann studieren. Und Betreuungsassistent als Beruf? Frau X meinte, dass man zusätzlich zum Betreuungsassistenten zumindest etwas mit Altenpflege machen sollte. Mit dem Betreuungsassistenten alleine kann man nicht so viel erreichen.

 

  • Nennen Sie drei Charaktereigenschaften, die Sie im Alter besonders wichtig finden.

Ich erlebe, dass die meisten Bewohner herzlich und offen sind. Aber das liegt vielleicht auch an dem harten Leben. Die sind so offen und sagen einfach: „Komm her“ und nehmen einen in den Arm. Also auf jeden Fall Herzlichkeit. Und Ehrlichkeit. Und Humor. Mit vielen kannst du wirklich lachen. Und wenn du mit denen über nackte Männer sprichst – die lachen gerne. Wenn ich manchmal morgens frage: „Von was haben Sie denn geträumt?“ „Ach, weiß ich nicht mehr.“ „Von nackten Männern?“ Dann lachen sie, Humor haben hier eigentlich alle. Es gibt natürlich auch manche, die sind immer so ein bisschen na ja. Aber selbst die lachen. Zum Beispiel, wenn ich mal wieder vor den Essenswagen laufe, dann lachen die mich alle aus. Das finde ich lustig. Oder wenn ich mal wieder über einen Rollator falle, dann lachen sie auch.

 

  • Nennen Sie Farben, die Sie mit Ihrer Zeit in der Altenpflege verbinden.

Erstmal Schwarz, weil ja auch, seit ich hier bin, Bewohner gestorben sind. Zu denen hatte ich zwar nicht so viel Kontakt, aber wenn meine Lieblingsoma jetzt sterben würde, wäre das schon schlimm. Auf jeden Fall Schwarz. Und ich glaube Gelb. Gelb ist Freude und offen und herzlich. Also manche Bewohnerin würde ich auch mit zu mir nach Hause nehmen. Wir würden dann den ganzen Tag miteinander quatschen.

 

  • Gibt es etwas, was Sie besonders traurig gemacht hat?

Ja, als meine andere Lieblingsoma zusammengebrochen ist. Das hat mich sehr traurig gemacht, ich dachte, ok, das ist jetzt vorbei. Es ist vorbei, und du kannst ihr nicht noch mal Tschüss sagen, weil sie jetzt vielleicht sterben wird. Aber sie ist wieder aufgestanden. Sie ist ein Stehaufmännchen, die überlebt uns alle, glaube ich. Und Frau X, die mir die Geschichte ihrer Krankheit erzählt hat. Es ist traurig, dass sie kaum Besuch bekommt. Sie hat ja Enkelkinder. Das ist schon schade, wenn sie erzählt und dann so traurig guckt. Ich finde die Geschichten der Menschen oft traurig. Es macht mich traurig, wenn ich höre, dass manche keine Familie mehr haben oder die einfach nicht kommen. Dass jemand 3 Kinder aufgezogen hat, denen das Studium bezahlt hat, und die nicht mal wissen, ob diese Frau noch lebt. Dann denke ich mir, warum ist das nicht meine Oma? Die Menschen haben so viel Scheiße durchgemacht. Dass die dann noch so einen Schlag ins Gesicht bekommen – denn das ist ja wie ein Schlag – das ist schade, denn das sind alles so tolle Menschen. Die sind so charakterstark und so lieb. Ich finde das sehr schade, dass manche Leute sich überhaupt nicht um ihre Familie kümmern. Ich möchte später nicht so werden. Es gibt auch welche, die kommen jeden Tag. Dann kommt vielleicht einmal der Sohn, und die demente Bewohnerin fragt dann wieder wochenlang: „Wo ist denn mein Sohn?“ Dann soll man lieber gar nicht kommen, finde ich. Da ist auch eine Angehörige, die hat große Probleme damit, dass ihre Mutter sie nicht erkennt. Das kann ich verstehen, das würde mich persönlich auch sehr schlauchen. Ich glaube, ich würde nicht so daran nagen wie sie. Ich glaube nämlich, die Bewohnerin merkt trotzdem, dass ihre Tochter da war. Manchmal erkennt sie die zwischendurch und dann wieder nicht. Die Tochter kann das einfach nicht verkraften. Aber sie kommt trotzdem und wenn es nur für 2 Minuten ist, um kurz ihre Mutter zu sehen. Um zu gucken, ob es ihr gut geht. Sie kommt trotzdem und das finde ich wichtig. Selbst wenn die Mutter das nicht mitbekommt und schläft, sie kommt trotzdem. Nur um zu gucken. Da denke ich mir auch, das ist traurig.

Die Angehörigen haben viel zu verkraften, die bräuchten eigentlich auch Betreuung. Wenn ich mich in einen Angehörigen reinversetze, wäre es für mich schon ein krasser Schritt meine Mutter oder meinen Vater in ein Altenheim zu stecken. Das ist schon hart, ich möchte diese Aufgabe nie bekommen. Ich habe sehr viel Mitleid mit den Angehörigen, mit denen ich mich auch oft unterhalte. Das ist zwar nicht meine Aufgabe, aber ich finde es wichtig. Die Pfleger sagen auch auf eine liebevolle Art quasi: „Ihre Mutter stirbt.“ Aber sich mal mit denen zu unterhalten, ist einfach wichtig.

Es hört sich hart an, aber viele quälen sich ja auch. Klar ist es schwer, einen Menschen gehen zu lassen, aber manchmal muss es sein. Mein Opa hatte, nachdem meine Oma gestorben ist, Leber- und Nierenversagen. Er hat zwar noch 10 Jahre gelebt, aber es war für ihn halt hart, dass meine Oma gestorben war. Meine Eltern hatten mich darauf vorbereitet, dass mein Opa wohl stirbt. Und deshalb habe ich mich damit abgefunden. Ich fand es schlimm aber nicht dramatisch, als er gestorben ist. Er quält sich nicht mehr, er braucht kein Morphium mehr, es ist vorbei. Jetzt kann er zu meiner Oma wieder zurück. Für manche ist es, glaube ich, gut, die Last loszuwerden, wenn die Mama krank im Altenheim liegt und bald stirbt. Das ist für jeden eine sehr große Belastung. Natürlich ist die Trauer da, aber die Entlastung auch.

Manchen, denen es sehr schlecht geht, leben trotzdem noch sehr gerne. Wir haben eine schwerkranke Oma, sie hat die eine Gesichtshälfte komplett gelähmt, aber sie sagt: „Das Leben ist so schön. Ich lebe das so lange, wie es funktioniert.“ Das finde ich echt bemerkenswert. Also ich, bzw. unsere Jugend hätte schon längst aufgegeben. Ich glaube, ich möchte auch keine 94 werden. Es gibt auch Menschen, die möchten endlich sterben, die sagen: „Gott soll mit mir Erbarmen haben und soll mich endlich holen.“ Das kann ich bei einem hohen Alter verstehen. Ich möchte auch nicht mit 100 da sitzen, kaum etwas können und nicht sterben können. Es gibt ja auch die Sterbephasen: zuerst will man nicht sterben, dann will man doch sterben – ich kriege das nicht mehr so recht zusammen. Aber wenn man akzeptieren kann, dass man stirbt, dann kann man auch sterben, glaube ich. Als meine Mama noch die ambulante Krankenpflege gemacht hat, war das auch so. Am Anfang sagen die Menschen, sie wollen nicht sterben. Aber sobald sie es akzeptieren, dass sie sterben werden, sterben sie auch. Und ich finde, das hat viel mit Mut zu tun, zu sagen, ok, ich möchte sterben. Ich denke, wenn ich so schwer krank wäre, mich nicht mehr bewegen, nicht mehr laufen, nicht mehr essen könnte, am Tropf hängen würde und einen Katheder hätte – dann würde ich auch sterben wollen. Es gibt Leute, die trotzdem leben wollen, weil sie ihre Kinder oder nette Menschen um sich herum haben. Aber es gibt auch Menschen, die sagen: „Nein, ich will nicht mehr, Gott, bitte hilf mir. Können wir nicht irgendwas machen?“ Manchmal finde ich es echt schade, dass es bei uns verboten ist. Manche wollen es ja wirklich, dass man ihnen hilft. Sie haben es akzeptiert und sterben trotzdem nicht. Klar ist man traurig, wenn sie sagen: „Ich möchte gerne sterben.“ Das tut dann echt weh.

 

  • Woher nehmen/nahmen Sie die Kraft, wie schützen Sie sich, wie grenzen Sie sich ab, was ist Ihr Ausgleich?

Die meiste Kraft nehme ich aus meiner Familie. Ich bin ein sehr starker Mensch, weil ich damals schon Depressionen hatte und abgestürzt war. Ich habe im Bett gelegen und geheult. Aber ich bin selber ohne Therapie da rausgekommen. Ich habe mich wieder aufgerappelt und mir gesagt, Lea, das kannst du nicht machen. Du musst raus und etwas tun. Ich habe dann meinen Hauptschulabschluss mit 1,4 gemacht, während ich diese Depressionen hatte. Ich war die Jahrgangsbeste und darauf war ich sehr stolz. Von daher nehme ich viel Kraft von mir selber. Viele Jungs sagen von mir, dass ich eine sehr starke Frau bin. Die meisten Mädchen sind ja eher so: „Mir ist kalt, ich möchte das nicht, ich kann das nicht, mein Nagel ist abgebrochen.“ Ich bin mit Jungens aufgewachsen, ich habe eher Fußball gespielt. Mich kann nichts unterkriegen. Ich habe meiner Mama auch gesagt: „Mama wir schaffen das, da gibt es nichts anders. Und wir schaffen das gemeinsam.“ Wir hatten auch mal ein Restaurant, das war pleite gegangen. Danach haben wir zuerst am Existenzminimum gelebt. Ich glaube, das macht einen auch willensstark. Ich gebe nie auf, weil das nichts bringt. Ich finde Menschen traurig, die so schnell aufgeben. Denen fehlt der Mut und die Kraft. Manchmal komme ich nach Hause und weine. Ich sage: „Mama, ich will nicht mehr.“ Aber im nächsten Moment denke ich, du schaffst das, du ziehst das durch, du musst es den anderen beweisen.

Wie ich mich schütze? Ich glaube, ich habe so eine Schutzmauer um mich herum. Mein Vater sagte immer: „Lass die Leute lästern. Hauptsache, du bist Gesprächsthema Nr. 1.“ Mein Freund und meine Familie kennen mich ohne die Schutzmauer. Aber durch die Mauer kommt nicht so schnell jemand durch. Ich bin ein Mensch, ich kann nicht meine Klappe halten. Ich werde auch schon mal angemacht, weil ich dies und das stehen lasse oder nicht wegmache. Dann denke ich auch, Leute, ich bin hier freiwillig, haltet mal den Ball flach. Wenn die in die Küche kommen, ihre Sachen abstellen und in ihren Raum gehen, dann kann man das doch wenigstens selber vorher wegräumen. Und ich schaffe es oft nicht, eine Pause zu machen. Ich schluck das dann erst runter. Meine Lieblingspflegerin sagt immer: „Lea, wenn Dich irgendetwas nervt, mach die Faust in der Tasche und sage Dir, Du kriegst dafür Geld. Egal wieviel, aber Du kriegst dafür Geld.“ Würde ich gar kein Geld kriegen, hätte ich schon längst aufgegeben. Es ist eine Arbeit, wo man leicht ausgenutzt werden kann. Es ist ja kein Ausnutzen, wir haben unsere Aufgaben. Aber dann sollten wir nicht von der Pflege noch mehr Aufgaben bekommen. Ich arbeite in der Küche, bei der Essensbegleitung und ich verteile die Wäsche. Und dann noch Aufgaben, die man so zwischendurch erledigen kann, zum Beispiel mit Wasser durch die Zimmer gehen. Das kriegt man auch alles hin, bis jemand kommt und sein Tablett noch einfach abstellt. Dann heißt es, die Angehörigen beschweren sich, dass die Küche so aussieht. Aber wenn man das in die Küche stellt, wenn ich gerade nicht da bin, dann sieht die Küche halt so aus. Es hat sich auch schon mal jemand über mich beschwert, da habe ich zu meinem Chef gesagt, ich habe auch nicht acht Hände, ich kann nicht alles gleichzeitig machen.

Mein Vater hat immer gesagt: „Lea, wenn dich jemand anmacht, dann stehst Du auf und sagst was.“ Zum Beispiel wurde ein Mädchen damals in der Schule immer gemobbt, die tat mir so leid. Und mein Lehrer hat nie etwas dazu gesagt. Irgendwann meinte mein Vater dann: „Weißt du was? Dann stehst du einfach auf, sagst dem Lehrer: `Hinsetzen´ und sagst deiner Klasse etwas dazu. Das habe ich einmal gemacht. Der Lehrer stand an der Tafel, und die Leute haben das Mädchen wieder runtergemacht. Ich kann das nicht ab, wenn Menschen runtergemacht werden. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt: „Lehrer, hinsetzen!“ Ich habe der Klasse dann eine Ansage gemacht, dass man jemanden nicht so runtermachen soll. Danach hat das aufgehört.

Es gibt auch hier FSJler, die sagen gar nichts. Das finde ich schade. Die hören dann auch oft früher auf. Wenn man nur Ja und Amen sagt, wird man auch eher ausgenutzt. Vielleicht bin ich für manche der böse FSJler, aber auch wenn ich nicht examiniert bin, bin ich immer noch ein Mensch. Ich habe meine Lieblingspflegerin im Rücken, die auch immer sagt: „Leute, es kann nicht sein, dass ein FSJler das alles machen muss.“ Ich will mich ja nicht beschweren, ich bin ja froh, dass ich diesen Platz hier habe.

Ich habe immer viel gearbeitet, ich habe schon mit 11 Jahren in der Gastronomie mitgemacht. Als meine Mama damals Krebs bekam, habe ich den Job von meiner Mama im Restaurant übernommen. Ich habe auch die Drecksarbeit gemacht, obwohl ich die Tochter vom Chef war. Ich habe Wäsche gewaschen, gebügelt und geputzt. Deshalb bin ich auch kein Mensch, der sich für irgendetwas zu schade ist. Ich war sehr früh sehr selbstständig, das verdanke ich auch meinen Eltern. Ich musste auch für die Extradinge, die ich wollte, arbeiten. Ich glaube, das hat mein Leben sehr bereichert.

Was ich gebraucht hätte? Unterstützung brauchen wir FSJler hier auf jeden Fall, wir haben ja auch Leute im Rücken. Aber vielleicht bräuchten wir auch jemanden, der ausschließlich für unsere Probleme da ist. Jemand, mit dem man immer reden kann, wenn man mal traurig ist. Vielleicht auch, weil jemand gestorben ist. Wenn hier mehr Leute arbeiten würden, dann wäre auch mehr Zeit dafür und für die Bewohner.

 

  • Wenn Sie in Ihrem FSJ Zauberkräfte gehabt hätten, wie hätten Sie sie eingesetzt?

Ich würde mir eine Spülmaschine wünschen, die nicht kaputt geht. Ich würde mir mehr Pfleger wünschen, mehr Verständnis. Die Küche ist auch eng und wenn es irgendwo eng ist, wie im Aufzug, kriege ich auch manchmal Angst. Also ich bräuchte schon mehr Platz. Ich wünsche mir eine Riesenküche, einen Riesenkühlschrank und eine Spülmaschine, die nicht kaputt geht. Alles etwas größer und moderner. Nicht in den Zimmern, die Menschen sind alt, die mögen solche Zimmer und ihre Schränke. Aber vielleicht modernere Badezimmer, das fände ich gut.

 

  • Wenn Sie sich Ihr eigenes Alt sein vorstellen, welche Farben sehen Sie?

Ich hoffe auch Gelb. Ich glaube sowieso, dass ich so eine chillige Oma werde. Ich glaube auch, dass ich eine sehr entspannte Mutter werde. Einfach, weil ich jetzt schon sehr humorvoll bin und immer der Klassenclown war. Deshalb glaube und hoffe ich, dass ich jemand bin, der mal schlechte Laune haben kann, aber trotzdem keinen Pfleger später anmacht. Ich hoffe sowieso, dass ich nicht ins Altersheim muss. Ich möchte da nicht rein, ich möchte auch nicht, dass meine Eltern oder meine Oma ins Heim gehen. Wenn jemand krank ist, ist es natürlich besser, wenn er irgendwo ist, wo es medizinische Versorgung gibt und wo ausgebildete Pflegekräfte sind, die wissen, was sie tun. Dann würde mir das leichter fallen, ins Heim zu gehen. Ich hoffe, dass ich später Gelb bin, lebensfroh und überhaupt noch leben will. Ich hoffe einfach, wie meine Oma zu werden. Turnen und Fitnessstudio. Aufgeben ist eine Art Schwäche.

Das heißt nicht, dass es schwach ist zu weinen. Gerade wenn man weint, ist man stark. Weinen löst ja auch etwas, eine ganze Last geht runter. Wenn ich geweint habe, dann geht es mir gut. Im FSJ habe ich auch schon geweint, vor Wut, vor Trauer. Einmal bin ich in Tränen ausgebrochen, da hat eine ganz tolle Schwester zu mir gesagt: „Lea, weinen bringt nichts. Wein Dich erst mal aus, aber noch mal weinen bringt Dir nichts. Es bringt Dir zwar, dass Du erlöst bist, es ändert aber nichts an der Situation. Beiße die Zähne zusammen, Du schaffst das.“ Ich finde, weinen zeigt Stärke und danach geht es einem gut. Es gibt so viele Gründe zu weinen, vor Freude, vor Wut oder wenn man traurig ist. Beim Weinen öffnet man sich, man lässt sich fallen. Da sucht man sich schon die Menschen aus, wo man weint. Bei jemand, der mir fremd ist, oder den ich nicht mag, würde ich auch nicht in Tränen ausbrechen. Aber es muss halt raus.

 

  • Wenn Sie zwei Wünsche für Ihren letzten Lebensabschnitt frei hätten, was wäre das?

Können das auch ganz verrückte Wünsche sein? Ich würde gerne einmal aus einem Flugzeug oder wenigstens von einer Klippe springen, einfach ins Wasser. Und aus dem Flugzeug mit dem Fallschirm. Ich habe zwar tierische Höhenangst, aber ich würde es schon gerne machen. Ich habe auch Angst vor dem Meer, aber ich würde es tun. Wenn ich wüsste, das jetzt alles bald vorbei ist, würde ich auf jeden Fall nach Bali oder so fliegen und mein ganzes Geld einfach auf den Kopf hauen. Dort würde ich dann leben wollen, der weiße Strand und hellblaues Wasser, das stelle ich mir schön vor. Ich glaube, da ist Altwerden auch besser.

Wenn ich jetzt wirklich alt würde und wüsste, dass ich noch vielleicht 1-3 Monate leben würde, ich würde mein Leben noch voll genießen. Es ist dann auch ganz wichtig, sich die letzten Lebenswünsche noch zu erfüllen. Es gibt ja auch Leute, die haben eine Liste, was sie alles noch erleben möchten. Das habe ich gar nicht, ich bin eher spontan. Wenn ich mal eine gute Rente habe, wäre ich auch so jemand der sagt: „Komm, wir fahren mal zum Flughafen und fliegen da und da hin.“ Das finde ich besser, als etwas zu planen, da kann immer noch etwas dazwischen kommen. Man kann das Leben nicht planen, finde ich. Zum Beispiel meine Mama, die ist 46 und jetzt ist sie schon so krank. Das hätten wir vor 5 Jahren nie gedacht. Man kann das Leben nicht planen. Man sollte alles spontan machen, alles machen, worauf man Lust hat. Vielleicht wird das schwieriger, wenn man älter wird. Aber zumindest in unserem Alter sollte man machen, worauf man Lust hat. Später, wenn man Kinder hat, hat man ja auch Pflichten. Auch wenn ich arbeite, gehe ich trotzdem mal feiern. Irgendwann kann ich das nicht mehr. Ich lebe jetzt noch mein Leben. Die Generationen vor uns, die jetzt hier im Heim sind, konnten oft nicht ihr Leben leben, weil die um ihr Leben kämpfen mussten. Die können auch jetzt nicht mehr ihr Leben leben, weil sie alt sind und vieles nicht mehr so gut können, nicht mehr sehen oder hören können. Die haben trotzdem Träume, was sie alles noch machen würden. Ich habe letztens jeden hier gefragt, wer den Führerschein hat. Das war ja früher nicht normal. Es gab Bewohner, die haben gesagt: „Könnte ich jetzt noch den Führerschein machen, ich würde es tun.“ Mein Opa konnte nicht schwimmen, der wollte immer schwimmen lernen. Aber das ging später einfach nicht mehr. Für uns ist das alles normal, wir haben alle den Führerschein und lernen schon mit 4 Jahren schwimmen.

Ich glaube, wenn ich wüsste, dass ich sterben müsste, würde ich mein Leben richtig genießen. Deshalb finde ich auch das Hospiz so interessant. Zum Beispiel, wenn es heißt, du hast nur noch drei Stunden zu leben, und du möchtest raus – dann sollst du rausfahren können! Und wenn du einen Cocktail willst, dann setzt du dich mit dem Cocktail nach draußen. Das ist so wichtig, dass man einem noch den letzten Wunsch erfüllt.

Hier ist das schwierig. Manche Menschen haben Wünsche, die wollen zum Beispiel nach draussen. Aber das geht nicht immer. Dann denke ich, wir können sie doch dick anziehen und trinken draußen den Kaffee. Auch wenn manche nicht ohne Beaufsichtigung raus dürfen, die Menschen sind viel älter als wir, und wenn sie das wollen, dann sollte das eigentlich möglich sein, dass jeder raus und rein kann, wie er will. Es ist natürlich schwierig, wenn jemand dement ist. Letztens saßen wir im Innenhof draußen, da habe ich Äpfel und Birnen für alle geschält und die hatten so einen Spaß. Die waren dann quasi frei und nicht wie immer in dem Speisesaal. Dann mache ich Helene Fischer an, das hören sie lieber als Heino, der war doch früher so modern. Helene Fischer kennen sie auch alle. Wenn es heißt, mach doch mal Musik von früher, sage ich, die kennen die Texte von Helene Fischer auch alle auswendig. Und dann dreh ich die Musik laut und tanze mit ihnen. Ich finde das traurig, wenn manche da sitzen und vor sich hin starren. Klar gibt es hier auch viele Angebote. Aber wenn mal keines ist, finde ich das schade, wenn sie so da sitzen und nur warten, dass jemand ihnen etwas zu trinken einschüttet. Ich habe auch nicht immer Zeit mich zu unterhalten, es müssten mehr Leute eingestellt werden, die sich um die alten Leute kümmern. Und wenn man nur ein Buch vorliest.

Einmal war ganz schlechtes Wetter, es hat geblitzt und gedonnert, und wir saßen im Speisesaal. Da ist dann so eine ganz gemütliche Atmosphäre in dem Saal, und ich hatte Malsachen rausgeholt. Wir hatten die Tische zusammengeschoben und haben alle zusammen Bilder gemalt. Sie haben Kaffee getrunken und Plätzchen gegessen, wir haben gequatscht und hatten Musik dazu an. Es war echt eine schöne Atmosphäre. Da sagte eine Pflegerin, wir wären doch nicht im Kindergarten, wir sollten keine Mandalas ausmalen. Wir sollten die Bewohner wie erwachsene Menschen behandeln. Aber die wollten doch malen und Musik hören und Spaß haben. Die malen alle echt gerne, die können vielleicht nicht alles so genau ausmalen. Aber wenn du Herrn X ein Blatt Papier und einen Stift gibst, dann malt er, und wenn es nur ein Krickeln ist. Er schenkt es dann jemandem. Die haben mit so etwas richtig Spaß. Auch wenn du ihnen ein Puzzle gibst, ein Benjamin Blümchen Puzzle mit 20 Teilen, dann heißt es, wir sind doch nicht im Kindergarten. Aber ein Puzzle mit 300 Teilen kann man denen doch nicht geben. Das ist schade.

 

  • Was möchten Sie auf keinen Fall erleben, wenn Sie alt sind?

Ich möchte nicht, dass mir jemand den Arsch abwischt. Ich glaube, das ist für jeden unangenehm. Frau X ist das auch so unangenehm, wenn sie auf die Toilette gesetzt wird. Sie kennt es nicht mehr anders und es muss ja sein, aber die findet das sehr schlimm. Ich glaube, es gibt für einen alten Menschen nicht den Pfleger, der das perfekte Alter hat. Ich glaube fast, dass sie es bei Pflegern, die so jung sind wie wir, nicht so schlimm finden, wie bei jemandem, der schon 30 Jahre im Beruf ist. Wir Jüngeren achten auf mehr, zum Beispiel ob ein Oberteil dreckig ist, ob sie schön angezogen sind, ob alles zusammenpasst. Ich musste letztens auch Fragen an die Bewohner stellen, und da war die Frage, was die Bewohner an den FSJlern gut finden. Und die haben geantwortet, dass sie dadurch immer gut aussehen, weil junge Leute mehr darauf achten.

Ich glaube, ich will gar nicht erleben, alt zu werden, das ist das Problem. Ich habe jetzt ein anderes Bild vom Alt sein als vor dem FSJ. Früher dachte ich immer, wenn ich im Bus fuhr, dass die alten Leute sich auch manchmal etwas anstellen. Klar hattest du Mitleid mit denen, die nicht mehr so gut laufen konnten. Aber jetzt, denke ich – ok, die kommen wirklich nicht mit ihrem Rollator in den Bus, die können sich wirklich nicht bewegen. Es gibt ja diese Tests, wo man eine Brille und Kopfhörer kriegt und einen Anzug trägt, in dem man sich nur eingschränkt bewegen kann, so als wäre man alt. Das würde ich schon mal gerne machen. Das wäre vielleicht gut für die Seminarwoche. So müsste man dann mal durch die Stadt laufen und einfach mal Brötchen kaufen. Dadurch könnten wir uns noch viel mehr in die Alten reinversetzen, wie das ist, mit einem Rollator zu gehen oder nichts mehr sehen zu können. Wenn die Senioren sagen, ich kann das nicht, dann kann man das oft gar nicht glauben. Man denkt, die schafft das schon, die kriegt das schon hin, aber sie können es wirklich nicht. Ich kann nicht verstehen, wie man gar nicht mehr aufstehen oder gar nicht mehr laufen kann. Genau wie die Demenz, ich kann das nicht verstehen, wie man so weg sein kann. Einen Tag lang alt sein, dann versteht man die alten Menschen auch besser. Dann weiß man auch, dass sie wirklich Hilfe und Unterstützung brauchen. Wenn ich manchmal Bewohner aus dem Speisesaal abhole, die sagen: „Ich kann nicht mehr laufen“, dann kann ich das nicht nachvollziehen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man auf einmal so schwach sein kann.

 

  • Was stellen Sie sich im Alter unter Glück vor?

Für mich ist Glück im Alter, wenn man eine Familie hat, die einen besucht. Wenn man Freunde hat, Familie hat, die an einen denken und einen besuchen. Klar kann man sich seine Familie nicht aussuchen, man kann auch Pech haben oder selbst schuld sein daran, dass man nicht besucht wird. Ich habe zum Beispiel tierisch Glück mit meiner Familie. Wir halten wirklich alle zusammen. Eine Familie, die einen besucht, ist für die Bewohner auch das größte Glück.

Glück ist auch, wenn man nicht krank ist. Es gibt Menschen, die schätzen das Glück nicht, das sie haben. Wenn ich denke, dass manche aus ihrem Leben nichts machen und Drogen nehmen, weil sie einfach nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Dann denke ich, ihr habt so Glück, ihr seid gesund, macht doch was aus eurem Leben. Und andere, die immer ein Leben lang für andere arbeiten und dann so krank werden, das finde ich traurig.

Ich glaube schon daran, dass es Himmel und Hölle gibt, dass manche Menschen in die Hölle kommen. Ja ich glaube, irgendwas kommt danach. Zum Beispiel der Absturz der German Wings, wo der Pilot einfach so viele Menschen mit hineingerissen hat. Ich weiß zwar, dass er wirklich krank im Kopf war. Aber das gibt keinem das Recht, andere Menschen umzubringen. Und ich glaube für ihn wird da noch irgendwas kommen.

 

  • Welche Frage würden Sie sich selber stellen?

Mir macht die Arbeit trotzdem Spaß.

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