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Das FSJ aus Sicht der pädagogischen Begleitung

Wir, Heike Kellendonk und Melanie Buss, möchten uns herzlich bei den interviewten FSJlern für ihre Offenheit und ihr Engagement bedanken. Als „pädagogische Begleiter“ gestalten wir 25 Seminartage pro Jahr, bei denen die FSJler ihre Arbeit reflektieren können und viele interessante Einblicke in andere Themengebiete erhalten.

Die Ehrlichkeit und der differenzierte Blickwinkel, den die Interviewten uns gegenüber erbracht haben, sind für unsere weitere Arbeit sehr hilfreich.
Zunächst möchten wir einen Kontext zwischen den Möglichkeiten und den Rahmenbedingungen eines FSJ herstellen und auf einige Statements eingehen.

Insgesamt beschäftigt die Diakonie Neuss 20 junge FSJler in verschiedenen Einrichtungen der Altenhilfe, der Familien- und Jugendhilfe, dem Fachbereich Psychiatrie und in den Kitas. Die Diakonie Neuss ist seit fünf Jahren selbst Träger der pädagogischen Begleitung ihrer FSJler; zuvor wurde die Begleitung extern organisiert.

Durch die veränderten Organisationsbedingungen können wir die jungen Erwachsenen sehr eng begleiten und mit den Seminarinhalten flexibel auf die Wünsche der FSJler eingehen. Auch die Einsatzstellen haben die Möglichkeit, mit Themen an die pädagogische Begleitung heranzutreten. Da wir – neben unserer Tätigkeit als pädagogische Begleitung – selber in Einrichtungen der Diakonie arbeiten, ist der Austausch zwischen uns, den FSJlern und den Einsatzstellen bzw. Praxisanleitungen stets gewährleistet. Aufgrund der bisher durchgeführten Evaluation wurden der Austausch und andere Abläufe überprüft und entsprechend angepasst. Die Interviews geben uns die Möglichkeit, unsere Arbeit erneut zu prüfen und Ideen für eine noch bessere Begleitung zu erarbeiten.

Aus den Interviews konnten wir einige Punkte herauslesen, die die jungen Erwachsenen am meisten beschäftigten. Das sind aus unserer Sicht die Anerkennung, der Arbeitsdruck, das System „Altenhilfe“ und die Lernerfahrungen.

Wir stellten uns die Frage: „Was versteht der FSJler unter Anerkennung und wie definieren wir diese?“

Aus unserer Erfahrung macht es einen Unterschied, aus welchen Motivationsgründen sich ein junger Mensch auf ein Jahr der freiwilligen Arbeit einlässt. Ein Teil der jungen Menschen macht das FSJ bewusst im sozialen Bereich, um sich dort zu engagieren und zu orientieren, andere nutzen das FSJ als „Brücke“ oder „Überbrückung einer Lücke“ im Lebenslauf auf dem Weg zum Studium oder Beruf. Diese Motivationsunterschiede spiegeln sich auch bei einigen Interviews wider.

Das Wort „freiwillig“ erhält somit eine subjektiv empfundene Note jedes Einzelnen. Die Rahmenbedingungen, welche mit den Vorgaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) abgestimmt sind, werden in einem Vertrag schriftlich festgehalten. Dieser enthält Rechte und Pflichten zu den Arbeitszeiten, den Jugendschutzbestimmungen sowie die festgelegte Höhe des „Taschengeldes“, mit dem das FSJ vergütet wird. Die Grundidee des FSJ besteht darin, sich freiwillig für ein Jahr auf den Dienst an der Gesellschaft einzulassen. Ein FSJ dient der Orientierung und ist weder eine Ausbildung noch ein Beruf, welcher entsprechend vergütet würde. Die Unzufriedenheit bezüglich der Entlohnung wird in den Interviews sehr oft genannt und spiegelt die oben genannten Aspekte der Motivation und der Nachvollziehbarkeit der Honorierung wider.

Der „Profit“ oder „Gewinn“ des freiwilligen sozialen Jahres liegt, unserer Auffassung nach, nicht in dem materiellen Gewinn, sondern in der bereichernden Lebenserfahrung und dem damit verbundenen Perspektivwechsel. Die Beschreibung dieser Erfahrung ist ebenfalls in den Interviews zu lesen.

Durch den Kontakt zu ehemaligen FSJlern erhalten wir die Rückmeldung, dass die gewonnen Erfahrungen mit den Menschen, der Einblick in eine soziale Einrichtung bzw. der Wechsel vom Schulsetting in die Arbeitswelt im Allgemeinen sie in ihrem Werdegang und ihrer Einstellung positiv geprägt haben.

Wir machen die Erfahrung, dass die FSJler im Tätigkeitsjahr oftmals die materielle Anerkennung in den Vordergrund stellen. Den Wunsch der jungen Menschen nach vor allem monetären Mitteln können wir nachvollziehen – schließlich erleben viele in ihrem persönlichen Umfeld, welche Möglichkeiten des Konsums und des Vermögensaufbaus ein „richtiges Gehalt“ bietet. An dieser Stelle möchten wir betonen, dass wir den täglichen Arbeitseinsatz der jungen Erwachsenen sehen und wertschätzen. Sie sorgen in den Einrichtungen für Entlastung, indem sie z.B. mit Senioren spazieren gehen oder einfach „nur“ für sie da sind und Zeit zum Reden haben.

Das Argument, es sei viel zu wenig Pflege- und Betreuungspersonal eingestellt, können wir nachvollziehen. Der Personalschlüssel in stationären Einrichtungen bzw. generell im sozialen Bereich wird auch in der Öffentlichkeit rege diskutiert, und auch wir könnten an dieser Stelle in eine politische Diskussion einsteigen. Diese Rahmenbedingungen gelten jedoch für alle Einrichtungen und Bereiche der Sozialen Arbeit.

Wir schenken den Jugendlichen Anerkennung z.B. durch eine Abschlussfahrt in Form eines Segeltörns auf dem Ijsselmeer zum Ende des FSJ-Jahres. Bei dieser Fahrt erleben die Jugendlichen Gemeinschaft, Teamgeist und jede Menge Spaß.

In der Arbeitshaltung und im Selbstverständnis der Diakonie gehören die FSJler zum Mitarbeiterteam und erhalten Anerkennung in Gesprächen, Gesten und wertschätzenden Ansprachen.

Zuletzt möchten wir noch auf den empfundenen Arbeitsdruck sowie den Umgang mit emotional belastenden Situationen eingehen.
Wir verstehen, dass die Jugendlichen „Druck“ und „Stress“ bei ihrer Tätigkeit empfinden.

So unterschiedlich sie auch sind, eines haben die jungen Menschen im FSJ gemeinsam: Sie befinden sich im Übergang zwischen Schule und Arbeitsleben. Die Ansprüche der Schulformen sind sicherlich sehr unterschiedlich, dennoch geht ein Schüler zur Schule und konsumiert bzw. engagiert sich im Unterricht. Im Arbeitskontext gibt es eine Verantwortung für die übertragene Aufgabe, insbesondere wenn sie in unmittelbarem Wirken mit einem Menschen steht. Es gibt Absprachen innerhalb eines Teams und unterschiedliche Arbeitsstrukturen und Hierarchien.

Die Besonderheit der pädagogischen Begleitung und der Anleitung im Arbeitskontext durch die Teams in den Einrichtungen besteht in der Unterstützung junger Menschen beim Wechsel in eine andere Lebensphase, und zwar von der Jugend zum Erwachsensein.

Hierbei ist uns sehr wohl bewusst, dass die jungen Erwachsenen sehr unterschiedliche Ressourcen und Möglichkeiten haben und dass die Unterstützung (z.B. durch Eltern, Schule), die sie bisher erfahren durften, ebenso unterschiedlich ist. Aus diesem Grund versuchen wir, die Konflikte am Arbeitsplatz vor dem Hintergrund ihrer Lebenswelt zu verstehen und eine gemeinsame Lösung mit allen Beteiligten zu finden. Unter Beachtung der vertraglich abgeschlossenen Rahmenbedingungen werden manchmal leider auch Entscheidungen getroffen, die nicht den Erwartungen der FSJler entsprechen.

Unser Fazit zu diesem Projekt lautet, dass wir uns als Mitarbeiter in unserer Arbeitsroutine ein Stück zurücknehmen werden, um den Blick für die Sichtweisen der jungen Menschen zu öffnen. Des Weiteren nehmen wir mit, dass eine gute Begleitung sehr viel zu einem erfolgreichen FSJ beiträgt. Aus diesem Grund möchten wir unsere Arbeit erneut überprüfen und verbessern.

Wir machen unsere Arbeit deshalb sehr gerne, weil wir uns jedes Jahr auf eine neue Gruppe freuen. Wir erleben, wie sich junge Menschen entwickeln, entfalten und langsam Orientierung im Leben finden. Hierzu unseren Beitrag zu leisten, macht uns großen Spaß.

 

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